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Jim Cramer war immer ein echter “Nut Cake”, ein wenig irre, aber doch irgendwie witzig. Seine Sendung heißt Mad Money, wo er mit viel Polemik und humorigen Tiraden Geheimtips für den Aktien-Markt abgibt. Doch kürzlich drehte er in einer Live-Sendung am Finanzkanal CNBC regelrecht durch: “Die haben keine Ahnung, wie es ist da draußen”, brüllte er plötzlich los, Zornesröte im Gesicht: “Jobs sind in Gefahr! Firmen drohen unterzugehen! Die wissen nichts, N-O-T-H-I-N-G!!!!” Sein Faust war da längst mit einem Knall am Studiotisch gelandet. DIE, das sind die Währungshüter der Notenbank, an der Spitze “Fed” Ben Bernanke, die Cramer und seine Freunde an der Wall Street jetzt mit einer Zinssenkung aus dem Schlamassel holen sollen. Bernanke zögert, und Cramer hat ein Tantrum fast wie ein Dreijähriger.


Cramers Tobsuchtsanfall: „Die wissen gar nichts!“

Ja, es kommen einem wirklich die Tränen, vor allem, wenn man bedenkt, welch “karge Zeiten” die Finanzindustrie in den letzten Jahre mit ihrem jüngsten, hochlukrativen Pyramidenspiel – Motto: Wie kann ich mich mit all dem “easy money” am schnellsten bereichern!” – hinter sich hat:

# Durch die Illusion, dass Immobilienpreise für immer im doppelstelligen Prozentbereich pro Jahr an Wert gewinnen, wurden selbst bettelarme US-Bürger mit unwiderstehlichen Angeboten in den Hypothekenmarkt gelockt. Keine Anzahlung, niedrigste Zinsen, oft über eine Million Kredit fürs neue Traumhaus, too good to be true, gell? Die Kredite wurden dann hübsch verpackt, mit allerlei Risikostempeln versehen und rund um die Welt weiterverkauft im immer undurchsichtigeren globalen Finanzdschungel. Deshalb sitzen etwa die Finanzgenies der deutschen Mittelstandsbank IKG jetzt plötzlich auf acht Milliarden Euro an faulen Krediten.

# “P/E”-(Private-Equity)-Giganten entstanden, die mit fremden Geld (dem erwähnten “easy money”, durch niedrige Zinsen leicht zu borgen) Firmen aufkauften und ausquetschten, samt dem Feuern möglichst vieler Mitarbeiter. Oh, Entschuldigung! Ich wollte “verschlanken”, “modernisieren” und “wettbewerbsfähiger machen” sagen. Dafür kassierten sie auch noch horrende “Beratungsgebühren”. Die ausgequetschte, ähh, modernisierte Firma wurde dann mit Riesenprofit weiterverschachert. Um $600 Mrd. hatten US-P/E-Riesen allein im diesen Jahr Firmen aufgekauft.

# Dazu kommen die Hedgefonds, die auch den P/E-Königen zu den Riesenkrediten für ihre Kaufwut verhalfen. Sie wurden einst geschaffen, um die Superreichen noch superreicher zu machen – als private Investmentvehikel, wo gegambelt wird wie in einem Kasino. Hinzu kommt noch die perverse Situation, wie mir Börsen-Guru Heiko Thieme kürzlich erzählte, dass die Spieler kein eigenes Risiko tragen, “da sie mit dem Geld anderer spekulieren”. Dafür kassieren sie Grundgebühr und Gewinngebühr, wie viel das ist, beweisen die neuen Paläste der Hedgefonds-Stars in Greenwich, Connecticut, der Hedgefonds-Kapitale der Welt. Dass die Hedgefonds mit verwalteten 1,7 Billionen Dollar und ausstehenden Wetten im Zig-Billionen-Bereich beim Auftreten von Finanzkrisen kaum zur Stabilisierung beitragen, kann auch ein Laie (so wie ich…) leicht erkennen. Die Politik hat in alledem längst die Übersicht verloren: Jene wenigen, die Bedenken äußern, wie der arme Franz Müntefering von der SPD bei seinem berühmten “Heuschrecken”-Vergleich, werden von der gut geölten Finanzindustrie als weltfremde, zurückgebliebene und ahnungslose Trottel denunziert.

Und jetzt? Jetzt ist das Kartenhaus wieder einmal zusammengestürzt. Die Preise am Immobilienmarkt stiegen nicht für immer (welch Überraschung!), Banken, Hedgefonds, whoever? sitzen auf bis zu 250 Milliarden Dollar an faulen Krediten. Und das ist wahrscheinlich nur die Spitze des Eisberges, denn, und das ist fast das Beängstigenste, versuchen die Finanzbehörden in Erfahrung zu bringen wer eigentlich im komplexen Finanzgeflecht wem was und wieviel schuldet.

Die Wall-Street-Player, so Mr. Cramer, die mit ihren Exzessen der letzten Jahre steinreich wurden (nicht vergessen sind die 16 Milliarden Dollar an Bonuszahlungen, die “Goldman Sachs” vor Weihnachten ausschüttete…), sollen jetzt von Daddy Fed mit Zinssenkungen gerettet werden. Und bei den verlorenen Jobs redet Cramer über seine Freunde an der Wall Street – nicht etwa die hunderttausenden gestrichenen Stellen nach P/E-Übernahmen.