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WallStreet
Dow Dog Days an der New Yorker Wall Street

Donnerstag, 16. August 2007:

# 14 Uhr: Der Dow nähert sich einem Minus von 340 Punkten. In den Finanz-TV-Kanälen tauchen jetzt immer mehr Experten auf mit dem Wort “KAPITULATION”. Ich erinnere mich an das Platzen der Internet-Blase: Da hieß es auch immer, nun würde der Markt vor der Krise “kapitulieren”, ein massives Abstossen von Aktien, aber auch ein Indiz, dass die Talsohle erreicht worden ist. Derartige Kapitulationen gab es dann natürlich viele, wie auch Talsohlen – und jene, die, wie von Wall Street stets suggeriert, bei der falschen einstiegen, verloren noch mehr. Ich frage mich: Wieviele Kapitulationen wird es nun in dieser Krise geben?

# 16 Uhr: Börsenschluss. Die Händler habe sich trotzig gegen die drohende Katastrophe aufgebäumt! Fast alle Verluste sind wettgemacht. Ohrenbetäubender Jubel mischt sich in das Bimmeln der “Closing Bell” am Floor des NYSE an der Wall Street. “An Amazing Ride”, titelt der “Drudge Report”.

# 18:30 Uhr: Ein Dad von Maxwells Freundin Lara erscheint völlig abgekämpft am Spielplatz, wo die Kids den schwülen Sommerabend mit Wasserschlachten genießen (Spielplätze in Manhattan sind insgesamt geniale Orte für den Ideenaustausch unter allen denkbaren Professionen – die Mutter von Maxs bestem Freund korrigierte einmal gratis für mich ein Rechtsdokument zwischen gelber Plastikrutsche und Schaukel). Laras Dad arbeitet bei Merrill Lynch und berichtet von recht bleichen, angsterfüllten Gesichtern am Arbeitsplatz: “Es ist furchtbar, das ist alles erst der Anfang…”. Doch dann schwadroniert er, klarer Verehrer der heilenden Kräfte des freien Marktes, von “creative destruction”, dem Niederbrennen des Alten und Entstehen von Neuem. So ist das also. Schüchtern argumentiere ich angesichts solch bombastischer “Nero”-Modelle, dass diese genialen Finanz-Brandstifter oft auch Eigentum anderer niederbrennen und dann den Staat als Feuerwehr zu Hilfe holen.

Freitag, 17. August:

# 7:30 Uhr: Ich checke die Morgenzeitungen. Der linke Wirtschaftsguru Paul Krugman bringt in der “New York Times” die Sache auf den Punkt: Viele an der Wall Street rufen jetzt nach einer “Rettung” für ihre eigenen Exzesse – vor allem das jahrelange Geldscheffeln mit Hypotheken komplett kreditunwürdiger Gläubiger und das Ignorieren aller Warnsignale eines Niedergangs des US-Immobilienmarktes. Die forderten jetzt, dass die Notenbank zumindest ein paar dieser, mit faulen Krediten besicherten Securities von Hedgefonds aufkauft. Das wäre so, als hätten die Steuerzahler damals Enron oder WorldCom gekauft und gerettet – und die Zocker, die sich verspekulierten, keinerlei Konsequenzen tragen müssen. Der Fed solle das Geplärr ignorieren, appelliert Krugman. Und wie der Tech-Bubble basiere auch sein Immobilien-Zwilling auf ”weitverbreiteten Betrügereien”: Vor allem die Ratings-Agenturen wie “Moody´s” stempelten in möglicherweise zu enger Kooperation mit den Banken selbst riskanteste Kreditpakete als unbedenklich ab. Die “New York Post” macht sich währenddessen Sorgen, dass die nun ein wenig ärmeren Yuppies in Bars und Restaurants beim Trinkgeld sparen. Und auch bei den kommenden Weihnachtsparties der Broker-Firmen könnten wegen sinkender Bonus-Zahlungen weniger 700-Dollar-Champagnerflaschen bestellt werden. Auch, und jetzt wirds echt tragisch, seien Superluxus-Apartments teurer als fünf Millionen immer schwerer anzubringen. “Buh-Bindestrich-Huh”.

# 8:30 Uhr: Breaking News. Der “Fed” hat nachgegeben. Er senkt den Diskont-Zinssatz um 0,5 %. “Hallelujah!” ruft ein Kommentator des Finanzkanals CNBC am Parkett des NYSE. Der Fed hat uns erhört! Take that, Krugman!! Wir waren natürlich alle naiv, zu glauben, dass Inflation und Stabilität der US-Währung Ben Bernanke am meisten beschäftigen und er die “Hilfe”-Rufe von der Wall Street ignorieren würde. Der Dollar-Index stürzt, die Dow-Futures zeigen jedoch steil nach oben. Im Studio des Kultkanal für die Finanzindustrie, CNBC, leuchten die seit Tagen trübseligen Gesichter plötzlich auf. Bernanke, vor Tagen noch von Börsen-Guru Jim Cramer angebrüllt, ist jetzt ein “Rockstar”.

# 9:30 Uhr: Die Markt öffnet. Der Dow steigt 300 Punkte in den ersten sieben Minuten. Cramer ist am Telefon: “Das ist ein brillanter Schritt des Fed”, freut er sich. Der schlimmste Crash seit 1987 sei abgewendet. Jetzt sind wir wieder auf Kurs auf 14.500 für den Dow zum Jahresende. Und heute: Vielleicht der größte Punkte-Gewinn in der Dow-Geschichte. So einfach ist das! Die Finanzkrise wegen einer halben Billion an potentiell faulen Krediten durch eine einfache Zinssenkung abgewendet? Just like that. “Ich hasste den Fed vor zwei Wochen, jetzt liebe ich ihn!”, sagt Cramer. Er weint vor Rührung. Für mich wird der Typ immer mehr zur Personifikation, wie schrill, verrückt und gefährlich die ganze Finanzwelt geworden ist.

# 10:28: Der Dow hat inzwischen die Hälfte seiner Euphorie-Gewinne abgegeben, plus 148 steht auf der Leuchttafel. Die Fed-Spritze scheint zu verpuffen – der Index keinesfalls wieder auf der Siegerstraße. Cramers Träume sind vorerst zerplatzt. Jetzt kann er gleich wieder mehr Zinssenkungen für seine Buddies fordern.