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Deutsche Bank
Brennendes Deutsche-Bank-Gebäude: „Candle-Light-Dinner…“

Das Sirenengeheul reißt mich aus einem Nachmittags-Schlaf. Obwohl Sirenen zum Alltag New Yorks gehören, gibt es eine bestimmte Art von Geheul, das mich alarmiert: Es kommt von überall, hallt durch die Hochhausschluchten, endlos, durchdringend – wie eben damals am 11. September. Es sagt mir: Etwas großes ist passiert. Ich schaue aus dem Fenster: Unfassbar! Die Ruine der ehemaligen Deutschen Bank, schwer demoliert am 11. September, die gerade abgerissen wird, steht in Flammen! Schwarzer Rauch dringt aus dem Hochaus. Gespenstisch ähnlich wie damals.

Dutzende Feuerwehrwagen haben sich in den engen Gassen darunter bereits versammelt. Sie können den Brand nicht löschen. Beruhigend mitanzusehen, was die Feuerwehr machen kann, wenn es in einem Hochhaus brennt. Gar nichts. Mein Nachbar Steven hat mir eine Nachricht hinterlassen. “Das Deutsche-Bank-Gebäude brennt”, ist seine aufgeregte Stimme zu hören. Wir alle haben 9/11 mitgemacht, solche Dinge sind immer traumatisch. Ich rufe meine Redaktion an, mache die ersten Bilder und schicke sie ab. Sieht am Foto nicht sonderlich dramatisch aus. Max ist aufgeregt, sieht sich das Spektakel fünf Minuten an – und spielt dann doch lieber mit Stevens Hund Jack. Er hat die coole Abgebrühtheit eines New Yorkers.

Die TV-Kanäle haben von der Story noch keinen Wind gekriegt – es läuft Hurrikan Dean oder das Minenunglück in Utah. Wir rätseln über die Ursachen: Ein Terror-Anschlag? Das wäre ja wohl ein Armutszeugnis für Al-Kaida, wendet Steven ein. Hat Ground-Zero-Developer Larry Silverstein die Ruine warm abgetragen? Auch unwahrscheinlich, denn nach mehreren peinlichen Verzögerungen war zuletzt der Abriss in Schwung gekommen, 26 von 46 Stockwerken sind noch über. Meine Frau Estee hat einen explosionsartigen Lärm gehört, aber ganz sicher ist sie sich auch nicht.

Tabloids
New Yorks Massenblätter: „Inferno!“

Am 11. September hatten Teile des kollabierenden Südturms die Fassade des Gebäudes aufgerissen, die Feuchtigkeit der folgenden Wochen sorgte für extreme Kontamination mit Schimmelpilz: Doch der Abriss war schon vor dem Feuer eine Blamage. Zuerst verzögerten sich die Arbeiten jahrelang, bis die “New York Times” einmal titelte: Das Gebäude, dass sich weigert, zu verschwinden. Als der Abriss endlich begann, krachten Stahlträger durch ein Feuerwehrhaus am Boden darunter. Es kam wieder zum Baustopp. Anstelle des Unglückgebäudes soll ein glatter architektonischer Frontalunfall entstehen: Der Bierbauch-Turm.

Es ist jetzt 16:45 Uhr, ich rufe mal meine Eltern an, damit sie sich nicht schrecken, wenn sie das alles morgen früh im TV sehen. Steven telefoniert mit Freunden: Er witzelt, dass, wenn es finster ist, das Ganze recht romantisch aussehe, ein “New Yorker Candle-Light-Dinner” sozusagen. Hunderte Feuerwehrleute stehen am Boden und sehen weiter zu. Das ist alles, was sie tun können. Wenn das Gebäude kollabiert gibt es weitere 50 tote New Yorker Firefighters, denke ich mir. Und seit 9/11 weiß man: Brennende Hochhäuser können sehr leicht zusammenstürzen. Steven malt sich die Headlines der New York Post aus, für die er einmal arbeitete: “AUFWIEDERSEHEN!”

Kurz nach 17 Uhr lassen Rauch und Flammen nach, dafür können wir es jetzt riechen. Es wird wohl nicht einstürzen. Zwei Firefighters sterben dennoch wegen Kohlenmonoxidvergiftung. Das Abriss des Unglücksgebäudes dürfte weitergehen – man darf gespannt sein, was als nächstes passiert.