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Mia
Mia, 6 Stunden alt

Protokoll einer Geburt in NYC:
Dienstag, 21. August:
# 8:30 Uhr: Wir verabschieden uns von Maxwell. Er wird den Tag und die kommende Nacht mit unserer Freundin Autumn verbringen. Aufgeregt war er schon beim Aufstehen. „Heute kommt Mia“, kam er reingelaufen: „Ich werde ein großer Bruder!“ Schwer vorstellbar, was sich im Kopf eines Fünfjährigen so abspielt. Nervös war er in den letzten Tagen schon ein wenig darüber, dass sein Leben als Einzelkind und unumstrittener Emperor unserer Familie in Kürze zu Ende gehen wird.

# 8:45 Uhr: Taxis! Keine da, wenn man sie braucht! Die Yellow Cabs kann man in New York nicht anrufen, es bleiben ein paar windige „Car Service“-Firmen über. Es regnet und es ist Rushhour. Worst-Case-Szenario. Warum immer wir? Ich erinnere mich an Maxwells Geburt, als wir Samstag um 2 Uhr früh – ebenfalls ein Taxi-Worst-Case-Szenario – an der West Street standen und ich hilflos 20 Minuten lang besetzten Taxis hinterherwachelte. Nur hatte Estee damals bereits erste Wehen…

# 9 Uhr: Ich finde zufällig ein Cab vor unserer Haustüre. Er verfährt sich andauernd und wir verbringen eine halbe Stunde im Regenschirm-Gewühl der engen Gassen von Lower Manhattan, während sich die Bürotürme rund um die Wall Street füllen. Nach weiteren energischen Anweisungen meinerseits erreichen wir das bloß einen Kilometer entfernte Krankenhaus. Warum müssen selbst simple Dinge in New York stets zum Drama ausarten?

# 9:25 Uhr: Wir checken im Geburtsflügel des „NYU Downtown Hospital“ ein. 30 Formulare sind zu unterschreiben, die Bürokratie hält Amerikas Gesundheitswesen im festen Würgegriff. Der Geburtsraum ist dafür enorm großzügig angelegt, fast wie eine kleine Studentenwohnung. Wir haben Couch, Kühlschrank, Esstisch, Dusche – und Blick auf die Brooklyn Bridge! Mia wird sich nach der Geburt gleich auskennen, wo sie auf die Welt kam (wenn sie richtig sehen könnte…). Estee wird verkabelt, Monitore messen den Herzschlag des Babies. Ich habe den Laptop aufgebaut und lasse die Animation des Radar-Bildes von Hurrikan Dean laufen. Das rhythmische Dröhnen von Mias Herz und Deans Dauerrotation wirken fast hypnotisch.

# 12:30 Uhr: Hunger! Estees Gynäkologe Dr. Wong erlaubt koreanische Küche, das Spitalsessen kann am Tablett bleiben. Die Krankenschwester ist anderer Meinung. „Darüber bin ich nicht informiert worden“, herrscht sie. Es scheint klar, wer hier das Sagen hat (oder haben will). Nach Rücksprache mit Dr. Wong bleibt es dabei: Koreanisch statt krankenhausisch. Estees Geburt soll wegen ihrer furchtbaren Beschwerden während der Schwangerschaft zehn Tage vor dem offiziellen Geburtstermin eingeleitet werden. Zuerst bekommt sie ein Medikament, das ihren Körper „empfänglich für die Geburteneinleitung“ machen soll, wie Dr. Wong erläutert. In 12 Stunden wissen wir mehr. Zeit für einen Film: Ich starte „Casino Royal“ am Computer. Draußen schüttet es. Es ist mit einem Tageshöchstwert von 15 Grad Celsius der kälteste August-Tag in der Geschichte New Yorks. Was immer das zu bedeuten hat.

# 18:00 Uhr: Wird eine lange Nacht, danke ich. Ein Kaffee kann nicht schaden. Beim nächsten Starbucks kostet der Café Latte Grande $4,07. Ich bemerke, dass ich schon lange nicht bei Starbucks war. Und verstehe, warum „Fed“ Ben Bernanke über die Inflation besorgt ist.

# 19:30 Uhr: Die Schwester gibt uns weitere Updates: Um 1 Uhr soll gecheckt werden, ob Estee ready ist für die Einleitung. Wir machen uns unseren Aufenthalt so bequem wie möglich. Irgendwie fühlt es sich an wie in einem Hotel an einem Urlaubs-Regentag. Ab und zu machen uns Rufe aus dem Nebenraum darauf aufmerksam, dass wir doch in einer Geburtenabteilung sind: „One, Two, Three, Four….“, schreien Leute im Chor. Oh weh, Presswehen. Ich erinnere mich noch gut an die Szene bei Maxwells Geburt bei unseren „Nachbarn“, als eine chinesische Großfamilie im Kreis um die arme Gebährende stand und auf sie einbrüllte. Es fehlten nur noch chinesische Drachenkostüme und Knallkörper.

# 20:15 Uhr: Langeweile. Ich downloade „Zoolander“ von iTunes. Legal sogar, $9.95. Ziemlicher Stumpfsinn eigentlich.

# 22:00 Uhr: Knapp vor dem Ende des Films ist unser „Spitalsurlaub“ zu Ende. Ich hätte es mir denken können, als meine Kollegin Evie aus L.A. anruft und fragt, ob es was neues gibt. Sie hat immer so Vorahnungen. Oft echt gespenstisch. Minuten später beginnen Estees Wehen in aller Ernsthaftigkeit. Die Geburt hat sich selbst eingeleitet. Wir warten auf die Anästhesistin für das „Epidural“ (Epidural-Anästhesie) zur Schmerzlinderung. Es werden recht lange 40 Minuten. Estee treiben die Schmerzen der Eröffnungswehen die Tränen in die Augen. Ich habe ein echt schlechtes Gewissen, fühle mich irgendwie hilflos und elend: Wie konnte ich ihr das nur antun? Kein Wunder, dass Gatten Juwelierläden stürmen nach Geburten.

# 23:50 Uhr: Die Anästhesistin erscheint. Muss ein toller Beruf sein, denke ich mir: Die sehen Patienten wohl lieber als Zahnärzte. Ich werde rausgeworfen aus dem Zimmer: Anästhesiologen hätten keine Zeit sich „mit in Ohnmacht fallenden Ehegatten abzugeben“ wenn die lange Nadel in die Wirbelsäule wandert, erklärt Dr. Wong die Hintergründe.

Mittwoch, 22. August:
# 24:30 Uhr: Das Epidural wirkt erst nach einer Stunde. Estees Schmerzen müssen unerträglich sein. Warum sollen wir gleich erfahren: Die Dehnwehen waren so schnell und effektiv, dass sich der Muttermund bereits die erforderlichen 10 Zentimeter geöffnet hat, diagnostiziert Dr. Wong. Die Schwester strahlt. Eine kleine Pause wird verordnet – vor den Presswehen.

# 1:30 Uhr: Dr. Wong kommt gut gelaunt bei der Türe rein: „Sollen wir ein Baby haben?“, sagt er. Warum nicht? Ich persönlich bin bei Geburten ja keine rasend große Hilfe: Ein Blick in mein angespanntes, bleiches, nervöses, fast panisches Gesucht stellt wahrscheinlich für niemanden eine Beruhigung dar. Schon beim ersten Stoß taucht der Kopf auf. Erster Frontbericht: Schwarze Haare! Estee fragt, ob man das Gesicht schon sehen kann! Das würde ja wohl etwas „scary“ aussehen, gebe ich zu bedenken. Weitere Presswehen befördern Mia im Expresstempo gen Licht der Welt. So schnell, dass sich Dr. Wong panikartig Schutzbrille, Umhang und Handschuhe anziehen sowie Instrumente herräumen muss – während Mias Kopf bereits halb herausragt. „Nicht pressen, bitte“, fleht er, während die Schwester hektisch die Schürze von hinten zubindet. Das wäre ein tolles Video für seine Studenten, denke ich mir.

# 2:02 Uhr: „Push!“, ruft Dr. Wong – und Mia gleitet heraus. Ich checke in Sekundenbruchteilen das wichtigste: Kopf? Check! Nase, Ohren, Mund und Augen? Check! Arme, Beine? Check! Alles dran. Die größte Erleichterung bei jeder Geburt. Mia ist mit einer weißen, käseähnlicher Schicht bedeckt. Der Schleim wird vom Gesicht gewischt. Ihre kleinen Lungen füllen sich erstmals in ihrem Leben mit Luft – und sie gibt den ersten Schrei ab! Willkommen auf Planeten Erde! 2,876 Kilo bringt sie auf die Waage, 46 Zentimeter ist sie lang – und ist natürlich das entzückendste, vorstellbare Wesen. Für uns, anyway.

Epilog: Max trifft seine Schwester
MaxMia