Print Friendly, PDF & Email

MaxMia1
Mia und Big Brother Max

Mia schläft auf der Couch so friedlich, dass es fast eine Provokation ist – angesichts der Herausforderungen, die Neugeborene so mit sich bringen. Die Jubelstimmung der ersten Stunden, multipliziert durch einen extrem hohen Adrenalin-Spiegel durch die nervenzerfetzende Geburt, weicht bald zermürbenden Routinen. Meinen Blog kann ich kurzfristig umtaufen auf Mia 24/7:

# Das Windelwechseln etwa passiert so alle 90 Minuten. Im Schnitt natürlich, denn im Detail ist alles weit komplizierter: Einmal kommt eine Urinladung genau dann, als gerade der Stuhl weggewischt wurde. Dann ist natürlich ihr Hemdchen nass – und alle Tücher rundherum sowieso. Dabei kann ich diesmal nur froh sein, dass sie ein Mädchen ist: Welche Zielgenauigkeit Bruder Max mit seinem Ding erreichte, möchte ich nicht weiter erläutern. Die Vorlieben und Abneigungen eines drei Tage alten Lebewesens sind meist rudimentär, doch eines weiß Mia schon jetzt: Sie hasst das Windelwechseln! Und das Desinfizieren des Nabelschnurstumpfes, der nach zehn Tagen abfällt, noch mehr! Sie wehrt sich mit erstaunlichen Kräften und bricht Lautstärke-Rekorde in Serie. Und dann brilliert sie oft mit perfektem Timing: Im, gerade nach der beschrieben Odyssee fix und fertig im Tuch verpackten Paket Mia macht es prompt “Rumms!” Zurück an den Start! Beruhigend, dass ihr Magen so klein ist, dass sie es auf so zwölf derartiger Sessions pro Tag bringt.

MiaHerbert
Erschöpft…

# Mia hat Riesenhunger, und das ist erfreulich (nichts demoralisiert Eltern mehr als die Panik, ihr Kind könnte nicht genug bekommen und richtig gedeihen). Bereits vier Stunden nach ihrer Geburt dockte sie zielsicher an Estee an. Smart Girl: Ihr Bruder Max brauchte dazu mehrere Tage. Sie scheint die weibliche Version von Max zu sein: Cleverer, fordernder, flotter, eine künftige Frau eben. Estee kommt jedoch kaum mit der Nahrungsproduktion nach, denn die braucht ein paar Tage zum Anspringen. Mia erhält daher Flaschenmilch als Zusatzration. Das provoziert natürlich Windelausschlag und Magenblähungen. Wenn sie zehn Minuten in einem Stück schläft, ist es viel.

MiaEstee
Mias Mama Estee beim Verlassen des Spitals

# Bruder Max will helfen – und wir können es ihm nicht wirklich ausreden, da er uns, sollte er sich ausgeschlossen fühlen, mit noch größeren Eifersuchtseruptionen um die Ohren fliegt: So steht er in der Küche, inmitten einer Milchlacke am Boden, Tetra Pak und Mias Milchflasche in den Händen. “Daddy, ich wollte Mia eine Milchflasche machen…”, beteuert er. Gerne auch singt er Mia was vor oder zeigt ihr, wie laut ein T-Rex brüllt. Am liebsten hält er seine Demonstrationen natürlich ab, wenn sie schläft. Estee erzählte mir mal von ihren Yoga-Übungen als Kind: Auf einen Punkt fokusieren und tief durchatmen. Noch ein paar Monate und ich gebe Stunden als Zen-Meister. Gleichzeitig ist Maxwell natürlich echt rührend: Er “liest” ihr ein Buch vor, gibt ihr Küsse, umarmt sie und versucht sich, so nützlich zu machen, wie er kann.

# Insomnie, oder Schlafstörung, kann zu recht gewaltiger Beeinträchtigung der Sinne führen. Das wissen Folterknechte seit Ewigkeiten. Die Welt erscheint wie durch einen Schleier, ein Mega-Jetlag, die Sonne blendet auf der Straße und die Konzentration nähert sich in einer eskalierenden Abwärtsspirale gegen Null – ebenso wie das Erinnerungsvermögen. Allein dieser Blog kam nur unter enormen Anstrengungen und zwanzigfachen Korrekturlesen und Umformulieren zustande (und auch nur, da ich das am Spielplatz schrieb, während Max sich Wasserschlachten mit seinen Freunden lieferte…). Jeden auch nur so offensichtlichen Blödsinn tippe ich in meinen iPhone-Kalender, wie Obst einkaufen, Brot vom Laden unten holen, Kinderarzt anrufen. Wenn es so weiter geht, wird bald “Aufstehen”, “Schlafengehen” oder “Mittagessen” hinzukommen. Wertvolle Zeit geht verloren mit dem Suchen von Dingen, die ohne eine Spur an Erinnerung an den kuriosesten Orten abgeladen werden. Die Geldkarte zum Wäschewaschen zum Beispiel fand ich schließlich in Mias Kinderwagen.

Mia
Trügerischer Friede: Mia schläft…

Ich habe mir natürlich zwei Wochen für die härtesten Stunden in Mias Startphase freigenommen. Die News checke ich sporadisch, weil sie mich interessieren und ich nicht ganz den Anschluss verlieren will. Aber es wirkt alles weit entfernt, irreal, wie in einer völlig verrückten Parallelwelt: Bush bewirbt etwa den Irakkrieg mit Vietnam-Vergleichen; in der Brandruine des Deutschen-Bank-Gebäudes bei Ground Zero fällt ein Mini-Hubstapler vom 20. Stock und verletztet noch mehr Firefighters; im “befreiten” Bagdad wird ein permanentes Autofahrverbot verhängt. Ich bin froh, dass ich mich 14 Tage in das nicht vertiefen brauche.

P.S.: Eine Kollegin hat Mias Geburts-Blog kommentiert mit: Was wohl Estee gebloggt hätte während ihrer Geburt. Gute Frage. Ich habe Estee jedenfalls zu einem “Op-Ed” eingeladen!