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Mias Windelausschlag ist besser, ihre Schlaf-Muster etablieren sich zusehends und Mummys Milchproduktion kommt auf Touren. Die leichte Entspannung an der Baby-Front ermöglicht mir das Kommentieren des vielbeachteten Auftrittes von “Miss South Carolina Teen”, Lauren Caitlin Upton: Die sollte beim Abklopfen des Intellekts der Missen nach Gründen fahnden, warum ein Fünftel der US-Bürger Amerika nicht auf einer Weltkarte findet. Es folgte eine bizarre Worthülsen-Aneinanderreihung, als sich der süße Teenager in den Mäandern ihrer Argumentation immer tiefer verlor: Von mangelnder Verfügbarkeit von Landkarten in den USA war da die Rede, aber auch von Südafrika und dem Irak. Paris Hilton oder Britney Spears wirken vergleichsweise als potentielle Kandidatinnen für Nobelpreise in der Quantenphysik. Das Video wurde prompt mit zwei Millionen Downloads auf YouTube über Nacht zum Blockbuster.


Upton: Zu wenige Landkarten in den USA…

Nun wäre es easy, sich über Ms. Upton weiter lustig zu machen. Ich möchte aber lieber auf die Frage fokusieren: 50 Millionen finden “Gods own country”, jene Nation, deren “greatness” sie in alle Welt exportiert sehen wollen, auf einer Weltkarte nicht? Dass die Amerikaner über geografische Position anderer Staaten meist nur dann lernen, wenn diese von ihnen bombardiert werden, ist ja hinlänglich dokumentiert. Aber das eigene Land? Welches Prädikat stellt das dem amerikanischen Bildungswesens aus?

Gerne wird hier geredet von den Stärken der Supermacht, ihrer globalen Dominanz in Forschung, Wirtschaft oder Entertainment. Doch gleichzeitig liegt die Latte bei den Mindeststandards in der Ausbildung und im Sozialbereich schockierend niedrig. Ich frage mich: Wie kann sich ein Land als globales Vorbild gefallen, in dem hingenommen wird, dass mit 48 Millionen ein derart großes Bevölkerungssegment nicht krankenversichert ist? In dem, wie nach Hurrikan Katrina so schmerzhaft offensichtlich wurde, zuletzt 12,6 % (laut einem Dienstag veröffentlichten, von der New York Times als ernüchternd bezeichneten Regierungs-Report) in unwürdiger Armut leben? Und Schulen absolvieren, die gerademal das Rüstzeug zur Bedienung der Registrierkassen von “Walmart” geben?

Dabei zeigen die Amerikaner im täglichen Leben mehr Zivilisiertheit und Mitgefühl als in den meisten Ländern, in denen ich bisher lebte: Sie sind hilfsbereit und höflich, spenden bei globalen Katastrophen á la Tsunami oder lokalen wie Katrina freigiebig. New York etwa überstand mit einem berührenden Zusammengehörigkeitsgefühl den Horror des 11. September bravorös. Und die TV-Bilder, wo bettelarme Farbige durch die Giftbrühe des versunkenen New Orleans wateten, waren den Amerikanern äußerst peinlich.

Aber eine Debatte, ob nicht die “Greatness” eines Landes darauf basieren sollte, welches Mindestmaß an Sozialstandards, Bildung und Chancengleichheit geboten wird, gab es nie. Das Motto ist hier stets: Well? Traurig, tragisch und so weiter. Aber selber schuld müssen die auch irgendwie sein. Wie sich das alles mit der hier so vehement propagierten, christlichen Nächstenliebe vereinbaren lässt, muss ich wohl noch erst kapieren. So ziehen Heerscharen an Politikern zum zweiten Jahrestag der Katrina-Katastrophe ins nach wie vor demoralisierte New Orleans und halten TV-gerechte Ansprachen – oder taufen, an blanke Augenauswischerei grenzende Polit-Initiativen im Bildungsbereich mit rührenden Slogans wie “No Child Left Behind”. Nur dass sich ja nichts ändert!

Und was die Geografiekenntnisse betrifft? Vielleicht sind die in Zeiten der GPS-Navigation in Autos und “Google Maps” am Internet und Handy ohnehin längst überfällig. Der nächste Starbucks kann auch ohne Kenntnis der geografischen Fakten, dass die USA am nordamerikanischen Kontinent zwischen Kanada und Mexiko zu finden ist, lokalisiert werden.