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Ich habe mich verliebt in Mia. Na, Kunststück als Vater einer neugeborenen Tochter! Doch ich selbst bin überrascht über die Flutwelle an Emotionen, die mich pro Tag so 60 mal überwältigen: Jedes Mal, wenn ich sie ansehe, halte, durch die Wohnung trage, sogar beim Windelwechseln (was sie inzwischen mit weit stoischerer Ruhe erträgt als noch vor Tagen). Überrascht bin ich deshalb, da Mia nach Maxwell unser zweites Kind ist: Ich dachte, die Erfahrungen mit Version 1.0 würde ein gewisses Maß an emotionaler Abgebrühtheit bei 2.0 zur Folge haben.

DadMia
Der stolze Daddy mit seiner Mia

Keineswegs! Seit ihrem Geburtstag, dem 22. August, schwebe ich im siebentem Himmel und paradiere euphorisiert durch die Stadt (Nein, kein “Singing in the Rain”, dafür eine messbar geschwelte Brust…). Es ist wohl das Maß an Unschuld, Hilflosigkeit und kompletter Purheit, die Neugeborene so unvergleichlich machen. Da liegt sie in ihrem Hufeisenpolster (“Boppy”), schläft friedlich, ihr Mund mit dem Ausdruck kompletter Zufriedenheit, ein leichtes Lächeln, die kleinen Arme in die Höhe gehalten, als würde sie sich den Kräften der kompletten Entspannung ergeben. Dann starrt sie mich mit ihren sich täglich immer weiter öffnenden Augen an (obwohl sie gerade mal ein paar verschwommene S/W-Umrisse wahrnimmt). Oder lächelt, wenn man ihr über die sanften, dünnen Haare streicht (obwohl ja Experten allen Eltern weismachen wollen, dass es sich beim “Lächeln” um unkoordinierte Zuckungen der Gesichtsmuskeln handelt).

Und dann ihre Hände: Die Fingernägel so groß wie ein Stecknadelkopf, die Kuppen so dünn, dass sie fast transparent erscheinen, ihre Finger lang und elegant. Dann hält sie die auch noch vornehm abgewinkelt, in perfekter Positur für einen Handkuss (vielleicht sind das die Ösi-Gene!). Eine echte Lady jedenfalls, selbst mit ihren knapp drei Kilo und 49 Zentimetern Länge. Immer öfter “gurgelt” sie zufrieden vor sich hin, imitiert mit ihrem süßen Mund Saugbewegungen, wenn sie hungrig ist – oder starrt zehn Minuten auf einen Polster mit großen Tupfen.

Unvorstellbar scheint, wieviel Mia zu lernen hat. Gut, dass sie das nicht mitbekommt, sonst hätte sie Nervenflattern. Da ist zunächst die Hardware: Die Feinmotorik ihrer Gliedmaßen etwa, Finger, Arme, Beine, Zehen. Manchmal übt sie mit ihren Händen wie ein Roboter im Testlabor. Faust machen, öffnen, Faust machen, öffnen. Fasziniert begutachtet sie die Testergebnisse. Und dann die Software, der Info-Upload in die sich rasch formenden Synapsen im Gehirn: Farben, Texturen, Formen, Geräusche, Licht, Schatten, Worte – installiert wird über die nächsten Monate und Jahre nichts weniger als das gesamte “OS Human”, das Betriebssystem eines Menschen.

BoppyQueen
Mia ruht…

Währenddessen genießt Mummy Estee das Ende ihrer Schwangerschafts-”Inhaftierung”. Durch eine extrem schmerzhafte Separation in der Schambeingegend war sie monatelang in unserem Apartment kaserniert. Nachdem ich ebensolang alleine mit Maxwell am Spielplatz auftauchte, stellten einige Mütter bereits recht inquisatorische Fragen: “Ich habe deine Frau seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen?”, hieß es. Oftmals echt penetrant so nach dem Motto: “Alles ok mit euch beiden?” “Mind your own business”, murmelte ich in mich hinein. Währenddessen hatte Estee Schmerzen 24/7, samt allen anderen Beschwerden einer Schwangerschaft. Wie sich das auf die Laune auswirkt, darf erraten werden. Als ich mit Max angebruzzelt vom Beach zurückkam fiel mir auf, dass ihr Taint eher an frostige Jänner-Tage erinnerte. Dass es heuer noch dazu ein außergewöhnlich schöner Sommer war, durfte ich nicht zu ausführlich kommentieren.

Zum ersten Mal wirklich lächeln sah ich Estee, als sie Mia endlich in ihren Armen hielt. Nach dem ersten Arzttermin hatten wir am Mittwoch den ersten Brunch zusammen – seit Monaten. Beim Spaziergang den Hudson-Fluss hinunter saugte sie die wohltuende Seeluft-Brise regelrecht in sich hinein. “Ahhhh!” “Unser nationaler Alptraum ist vorbei”, sagte Präsident Gerald Ford nach dem Nixon-Rücktritt im Watergate-Inferno. So fühlen wir uns am Familien-Level. Am Folgetag präsentiert sich dann der Bauernebel-Clan in voller, NEUER Stärke am Spielplatz. “Seht her! Hier ist meine Frau!”, denke ich mir: “Ich habe ihr nichts angetan…” Außer der Schwangerschaft vielleicht.