„Schwarzes Gold“: Wo die Öl-Trader die Welt regieren


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Unverdächtiger Tatort: NYMEX-Gebäude am idyllischen Hudson-Hafen

Es ist ein unscheinbarer Bürobau, 25 Stockwerke hoch, der niedrigste der vier Türme des “World Financial Center” gleich hinter “Ground Zero” rund um den idyllischen Hafen am Hudson-Fluss. Touristen bestaunen den Sonnenuntergang über der Freiheitsstatue am Horizont, Anrainer führen ihre Hunde äußerln (und klauben die Trümmerl, wie in NY dankenswerterweise üblich, auch auf…), Kids tollen am Weg zu den nahen Playgrounds ausgelassen herum. Bei Nordwestwetterlage ist der Ort auch bekannt als vielleicht windigste Ecke Manhattans samt Wollmützenzwang bei strengem Frost.

Seit Tagen steht jedoch ein Übertragungs-Wagen des Newskanals CNN um die Ecke, ein Indiz, dass hier auch andere, weltbewegendere Aktivitäten stattfinden. Weltbewegend, indeed: Drinnen am “Trading Floor” des “New York Mercantile Exchange” (NYMEX), der größten Rohstoffbörse der Welt, plärren Händler, hemdsärmelige Typen, die oft aussehen wie Rugby-Players, Verkaufs- und Kaufsangebote durch die Halle. Der NYMEX ist einer der wenigen Börsen, wo noch das “Open Outcry”-System, eine Art Brüllsystem, dem mechanischen und unspektakulären Tastendrücken auf Computer-Keyboards vorgezogen wird. Es ergibt auch einfach dramatischere Bilder beim Live-TV. Der CNN-Wirtschaftsreporter steht so mitten in dem Chaos und deutet auf die Zahlentafel: Werden die “Crude Oil Futures” heute erstmals die $100-pro-Fass-Marke durchstoßen?

Tatsächlich, in dem Gebäude, an dem ich täglich mit Max am Rückweg vom Kindergarten vorbei-”scoote”, geht es um einiges: Wieviel Milliarden Autofahrer etwa an den Zapfsäulen blechen; ob das Comeback Russlands als World-Player, angetrieben durch Top-Dollar für seine Öl- und Gasexporte, andauert; ob Glitzerkapitalen ölreicher Wüstenstaaten á la Dubai noch höher in den Himmel schießen; ob Öl-Exportländer mit schurkigen Staatschefs wie Irans Ahmadinedschad oder Venezuelas Chávez – ihre Macht durch die ungebremste Zufuhr an Öldollars gestützt – weiter geostrategischen Unfug treiben können oder ob die Inflation durch höhere Ölpreise die US-Wirtschaft und damit den Motor der Weltkonjunktur abwürgt. Die Schöpfer der globalen Finanzarchitektur hatten deshalb auch bei 9/11 einen echten Schreck bekommen, als wenige hundert Meter weiter die Twin Towers kollabierten: Seither gibt es eine um 12 Millionen Dollar eingerichtete “Back Up”-Börse außerhalb New Yorks mit 2.000 Telefonen und einer parallelen Computeranlage.

Warum sich die Jungs im NYMEX so absurd hohe Öl-Preise zurufen, ist inzwischen so unerklärlich, wie der Tatort unverdächtig. “Das ist alles nur mehr reine Spekulation”, ärgert sich Börsen-Guru Heiko Thieme, als ich ihn anrufe: Es gäbe keine Engpässe bei der Versorgung und selbst die OPEC würde sich mit einem $60-Preis zufrieden geben, fährt er fort. Begründet wird der Preisanstieg mit der Sorge um globale Krisen: Jede Bombe im Irak und Afghanistan, jede neue Bush-Drohung gegen Teheran, Musharaffs Putsch, Wirbelstürme oder kanadische Kaltluftmassen, praktisch jeder außenpolitische oder weltchronikale Fettdruck in Zeitungen, scheint den Preis nach oben zu treiben. Doch eher geht es den Traders, die Teils die komplexen Rechenmodelle der computergestützten Rohstoff-Hedgefunds exekutieren, um eindeutige Trends: “So lässt sich am Weg nach oben viel Geld verdienen”, sagt Thieme sarkastisch.

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Rauchpause: Öl am Weg zur $100-Schallmauer…

Die Händlern, die in ihren bunten Jacken vor dem NYMEX-Eingang bei der Rauchpause anzutreffen sind, aus Wut etwa über die hohen Benzinpreise anzupöbeln, macht wenig Sinn: Sie führen nur aus, was ihnen ihre Auftraggeber, mächtige Cooperations oder komplexe Rechenanlagen, vorgeben. Nach 16 Uhr gehen sie dann um die Ecke zum Pub “P.J. Clarke´s” einen heben – und müssen sich manchmal nach dem zweiten Bier wohl wundern, wie pervers die ganze globale Finanzwelt eigentlich ist.

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