Happy Thanksgiving: Turkey, Pumpkin Pie, Midnight-Shopping & Shrek-Baloons


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Das Jahr war 1691 und am nordamerikanischen Kontinent wurde das erste “Thanksgiving” gefeiert, als 38 englische Siedler im Zeltlager “Berkley Hundret” den James River hinauf im heutigen Bundesstaat Virginia “Gott dem Allmächtigen” für ihre sichere Ankunft dankten. Fortan sollte sich das Dankes-Ritual jährlich wiederholen. Sehr romantisch sah das damals aus: Die stolzen Briten in ihren bunten Pluderhosen, spitzen Helmen, dicken Roben, übergroßen weißen Krägen, ihr Anführer andächtig in den trüben Herbsthimmel predigend. Wie in einem Kostümfilm.

Das war jedenfalls vor den Shopping Malls: Jetzt geht es – Thanksgiving längst neben dem “Fourth of July”, “Memorial Day” und “Labor Day” als einer der vier Mega-US-Feiertage etabliert, wo die mit Urlaubstagen wenig verwöhnten Amerikaner massen- und fast zwanghaft ausspannen – weniger, surprise!, ums Spirituelle als ums Kommerzielle.

Klar, staunte ich, als bei einem Thanksgiving-Truthahnschmaus vor einigen Jahren, zu dem uns Freunde eingeladen hatten, die Gastgeberin wie selbstverständlich zum “Saving Grace”, zum Tischgebet, aufrief. Aber insgesamt dominieren selbst in “Gods own Country” zwei klar nichtreligiöse Themen die Headlines in den US-Medien:

# Die gewaltige Völkerwanderung von 44 Millionen Bürgern, die Autobahnen verstopften, Flughäfenhallen füllten und die ohnehin desolaten Flugverkehrssysteme an den Rand des Kollaps brachten oder sich in Züge pferchten (Bush gab sogar gesperrten Militärluftraum frei, um den Stau in der Luft zu entgegnen).

# Und am Faszinierendsten zu beobachten ist natürlich der Auftakt zum totalen Schnäppchen-Halali – dem Beginn der Advent-Einkaufs-Saison. Denn auf Thanksgiving folgt der “Black Friday”, wo der freie Fenstertag zur umsatzstärksten 24-Stunden-Periode des Weihnachtsgeschäftes wird. Und das sieht dann so aus: Zehntausende warten, ihre Bäuche gut gefüllt mit Truthahn-Brust und Pumpkin Pie, um Mitternacht vor den Retail-Riesen wie J.C. Penny, KB Toys oder “The Gap”. “Midnight Shopping” heißt das sehr amerikanische Ritual, wo die Einkäufer mitten in der Nacht wie Hunnen-Horden zu den heißesten Sonderangeboten stürmen (und einige der armen Verkäufer mit Knie- und Ellbogenschützern ausgestattet sind wie Eishockey-Spieler).

Und dann darf natürlich, wie hier üblich, das Show-Element nicht fehlen: Verblüffend ist das Foto in der NYT, wie vier Girls von den berühmten “Rockettes” im Santa-Outfit ihre Beine in die Höhe schmeißen – im Terminalgebäude des Newark-Flughafens, um wartende Passagiere zu unterhalten… Und den Broadway hinunter wurden bei der “Macy´s Parade” (benannt nach, klar, New Yorks legendärem Departement Store…) wieder die riesigen Ballon-Shreks und Mickeys (und was immer an Cartoon-Charakter denkbar ist) gezogen. Das Ganze läuft stundenlang live im Lokal-TV. “Das ist einer der Tage, wo ich meinen Job liebe”, säuselte die Starmoderatorin der “Today Show”, Meredith Vieira. Wow, tolles Assignment.

Und da Thanksgiving auch traditionell Anlass sein sollte, den Bedürftigen zu helfen, stört eine grimmige Statistik die Idylle aus Turkeys, Playstation-Deals und Ballon-Paraden: Jeder sechste New Yorker hat nicht genug zu essen, berichtete der Finanzdienst “Bloomberg” trocken, 1,3 Millionen Einwohner der Weltmetropole. Happy Thanksgiving, Amerika.

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