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“Time flies” heißt das englische Sprichwort, und es bezieht sich meist darauf, wenn man Spass hat. Oder ein Baby. Während ich diese Zeilen schreibe, ist Tochter Mia Alexa 103 Tage alt. Wie nach der Amtseinführung von Politikern üblich, ist es Zeit für eine kleine Bilanz. Vorweg: Aus dem lila, verschrumpelten, mit weißem “Isoliermaterial” bedecktem und schockierend zerbrechlich aussehenden Lebewesen, das am 22. August die Neonröhren des “NY Downtown Hospital” erblickte, ist ein stattliches, kugelrundes Baby geworden. Sie hat ihr Geburtsgewicht in nur drei Monaten verdoppelt, dicke, zum Reinbeißen einladende Speckpolster an praktisch allen erdenklichen Körperstellen angelegt.

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Ausflug am Baby-Björn

Sie kann ihren Kopf alleine halten, lacht strahlend Mummy und Daddy an, denen nichts anderes übrig bleibt, als verliebt zurückzugrinsen – selbst wenn es 3:45 Uhr ist. Ihre Haare stehen zu Berge, sodass wir sie mitunter als Don King, den legendären Boxmanager, hänseln. Ein einziges “Ahh-guuu” aus ihrem zahnlosen, speichelgefluteten Mund genügt, dass binnen Sekundenbruchteilen Erinnerungen an all die schlaflosen Nächte gelöscht sind. Mia strampelt meist vergnügt, laut brabbelnd durch ihren Tag. Dabei hat sie keine Zeit zu verlieren: Es gilt Oberflächen zu scannen, Geräusche und Stimmen einzuordnen, Bewegungen zu imitieren, an der Feinmotorik ihrer Gliedmaßen zu arbeiten, ihre Gehirnsynapsen zu stärken, sodass sie nicht alles Erlernte binnen Minuten wieder vergisst.

Schon erstaunlich: Ein Neugeborenes hat keine Ahnung, dass die vor ihrem Gesicht herumfliegenden Hände und Arme, a) zu ihr gehören und, b) sich später sogar als recht praktisch herausstellen werden. Auch sonst hagelt es Meilensteine: Am Baby-Björn ist sie längst in Gehrichtung gedreht, um mehr zu sehen, als Mummys oder Daddys mit Baby-Speibe dekorierte T-Shirts. Letztes Wochenende montierten wir den Babysitz an die Esstischplatte. Nicht dass sie schon essen könnte: Aber sie sitzt mit uns bei den Mahlzeiten, starrt ihren großen Bruder Max an und macht Kaubewegungen in Zeitlupe.

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Mia und ihr „großer Bruder“: Imitation der Kaubewegung in Zeitlupe

Apropos Baby Björn: Bei meinen kurzen Besorgungen schnalle ich Mia, in einen knallroten Wolloverall gewickelt und gestrickte Baby-Gap-Wollmütze am Kopf, an diese vielleicht genialste Erfindung seit Generationen (für Eltern von Kleinkindern sicher nützlicher als das iPhone…) – und bemerke das Potential zur Euphorisierung der New Yorker für Kleinkinder, was mit ein Grund sein dürfte, warum der für Außenstehende oft fälschlich als kinderfeindlich verunglimpfte Moloch gerade einen mächtigen Baby-Boom erlebt. Was mir schon bei Maxwell auffiel: Die größten Baby-Fans sind rundliche, farbige Frauen, die mit schrillen Stimmen Mia bereits aus weiter Ferne Komplimente zurufen. In einem Postoffice kam zuletzt fast der ganze Betrieb zum Erliegen, als die Hälfte der Arbeiterinnen vor Mia zusammenlief.

Mia wächst, wie ihr Bruder Maxwell, in einem Büro auf, nachdem meine Frau Estee und ich von zu Hause aus arbeiten. Das fördert zwar das Bonding, erfordert jedoch auch einige Kreativität (und oft iPod-Stöpsel im Ohr…): Und die arme Mia bekommt mitunter, wenn sie bei mir am Baby-Björn hängt, das für Babies wirklich wenig attraktive Kleingedruckte der New York Times oder, noch schlimmer, des Wall Street Journal vor die Nase gehalten. Wenn sie beginnt, zu meckern, muss ich ab und zu ein deutlich bunteres “People”- oder “Entertainment Weekly”-Magazin einschmeißen.