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Die Köpfe müssen wirklich rauchen in den Strategiebesprechungen mit US-Präsident George W. Bush. Richtig nerven muss es ihn und seinen Stab aus geschniegelten, Rückrat-befreiten Ja-Sagern, dass seiner visionären, nach Geschichte trachtenden Außenpolitik immer dieses lästige Ding namens Realität in die Quere kommt. In seiner Welt, der glaubensbezogenen, ist alles immer viel einfacher: Schwarz, weiß, gut, böse, übersichtlich. Man glaubt so lange an etwas, bis es wahr wird – zumindest im eigenen Kopf. Durch die penetrante Realitätssache müssen Bush & Co andauernd wertvolle Zeit vergeuden, uns sonderbarer, “realitätsbezogener Gemeinschaft”, wie sie uns verächtlich nennen, immer neue Erklärungsmodelle für meist schwer erklärliches zu liefern.


Bush: „Nichts hat sich geändert…“

In den Gängen des Oval Office geht es wahrscheinlich zu wie bei einem Brainstorming in einer Werbeagentur über griffige Waschpulver-Slogans. Berühmtestes Beispiel ist natürlich das Irak-Desaster. Alle Kriegsgründe waren rasch vom Realitätsmonster gefressen worden: Keine WMDs, keine Saddam-Al-Kaida-Verbindungen, kein kurzer und billiger “Cake Walk”, jener angekündigte Nachmittagsspaziergang mit ein bisserl Diktatorsturz, Volksbefreiung, Implementierung von Manchester-Kapitalismus und Siegesmarsch den Broadway hinunter noch vor der Macy´s Parade. Daher setzte es eine Litanei neuer bombastischer Erklärungen für den Irak-Feldzug: Aufbau einer Musterdemokratie, Kampf von Al-Kaida dort (wo sie vor der Invasion nicht einmal waren…), um sie von den USA fernzuhalten, am besten permanentes Beistehen der sich bebürgerkriegenden Iraker als vorderste Front in einem wahren Krieg der Zivilsationen, wichtiger als der Kalte und sogar der zweite Weltkrieg.

Dabei muss man eingestehen, dass sich Bush & Co da immerhin noch bemüht haben. Manchmal sagen sie mit fast bewundernswerter Dreistigkeit das glatte Gegenteil von dem was wirklich ist. Folter, Gunatanamo Bay, Water Boarding? “Die USA foltert nicht”, erklären alle vom Präsidenten abwärts, ohne mit der Wimper zu zucken. Punkt. Ende der Debatte. Schwarz ist weiß. Weiß ist schwarz. Der Himmel ist grün, die Wiese blau. Dinge fallen nach oben.

Jetzt stellte Bush die Realität auch noch in Sachen Iran ein Bein. So schön hatten sich schon seine Strategen ausgemalt, wie der selbstdeklarierte “Kriegspräsident” weiter Teheran mit immer martialischerer Kriegsrhetorik die letzten 13 Amtsmonate drangsalieren, dadurch von seinem blamablen innenpolitischen Versagen und “Lame Duck”-Schicksal ablenken – und sogar seinen Republikanerfreunden mit schrillen Warnungen über Atompilzwolken über US-Metropolen bei der Wahlschlacht 2008 helfen hätte können (Hillary & Co haben ja bekanntlich keinen blassen Dunst vom USA-Beschützen).

Doch dann das: Im Sommer erlangten US-Spione Aktennotizen von iranischen Militärs, die sich 2003 bitter über „das Beenden des Atombomben-Programms“ beschwerten, so die NYT. Als Mike McConnell, immerhin als „Director of National Intelligence“ der Top-Spion der USA, Bush im Sommer die Stimmung vermieste, indem er durchblicken ließ, der irre Mullahstaat bastle gar nicht mehr an A-Bomben, wollte Bush gleich gar nicht nachfragen. Solange die neuen Infos nicht verifiziert seien, konnte ja noch munter vor Weltkrieg III weitergewarnt werden. Der Sommer ist überhaupt eine schlechte Zeit, Bushs „mangelnde Neugierde“ (NYT) zu überwinden. Das Geheimdienst-Memo im Sommer 2001 erlitt ein ähnliches Schicksal: Bin Laden? USA Angreifen? Jumbos? Kein Grund, eine Mountain-Bike-Tour auf der Ranch in Crawford abzusagen.

Jetzt nachdem alles verifiziert und der Iran-Report der Spione, das „National Intelligence Estimate“ (NIE) amtlich ist, muss Bush wieder tief in die Trickkiste aus den beiden, eingangs beschriebenen Strategien greifen:

  • Neue Erklärungsmodelle müssen her, warum das Kriegsgetöse gegenüber Teheran fortgeführt werden müsse: Immerhin könne der Iran das Programm jederzeit wieder aufnehmen. Dazu verfüge er über das „Wissen über den A-Bomben-Bau“. Genüsslich zitierte der Autor Bob Cesca am linken Internet-Dienst „Huffington Post“, dass sich jedes Kid das Wissen zum Bau der A-Bombe per einfacher Google-Suche aneignen könne – der Rest jedoch sauschwer sei: Benötigt würden Millionen Dollar, Präzisions-Zentrifugen, Uran, Plutonium, Yellow Cake, Raketen-Launchers, Heerscharen an Ingenieuren. Und alles unter dem Radar der IAEO. Glücklicherweise sei das A-Bomben-Bauen in der Realität (hier ist sie wieder..) „nicht ganz so easy“, so Cesca: Deshalb hätten es in der bisherigen Menschheitsgeschichte auch nur neun Nationen geschafft.
  • Die zweite Argumentationssäule zur Entschärfung der neuen Riesenblamage beruht auf der „Amerika-Folter-nicht“-Dreistigkeits-Taktik: Der neue NIE-Geheimdienst-Report belege eigentlich, verblüffte Bush Reporter, dass der Iran „gefährlicher denn je“ sei und und der Report nachträglich die Genialität von Bushs Konfrontationskurses bestätigt hätte (und dann ging er Joggen am blauen Südrasen unter grünem Spätherbsthimmel…).
  • Komplett den Vogel schossen dann die außenpolitischen Genies der „Neocons“ (ja, die mit dem Irak-„Cake Walk“) ab: Angriff ist eben immer die beste Verteidigung – und so wurde prompt das Feuer auf die Überbringer der für die Kriegstreiber so unangenehmen News eröffnet. Laut WSJ-Editorial hätten bei dem Geheimdienstreport glatt drei Außenamts-Mitarbeiter mitgewerkt, deren Reputation als „hyper-parteilich Anti-Bush“ bekannt sei. Fazit: Passt auf Bush-Amerika! Die fünfte Kolonne der Realitätsanhänger ist kaum mehr aufzuhalten.