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Kaum zu glauben, dass in Manhattans „Meatpacking District“ tatsächlich noch geschlachtet und – eben – Fleisch verpackt wird. Zeitig in der Früh rollen die Trucks mit ihrer riechbaren Fracht vorbei an den aus trendy Nightclubs stolpernden Celebreties, Gallerien oder peppig dekorierten Auslagen-Scheiben der Luxusläden. Das eigenartige urbane Stilleben illustriert die Transformation, die der Manhattan-Bezirk (der sich zwischen „West 16th Street“ im Süden, „Jane Street“ im Norden, Hudson-Fluss im Westen und „Hudson Street“ im Osten erstreckt) hinter sich hat.

Pastis
Szene-Bistro-Pastis: Vorfahrt von Zorg…

Wer immer so um 1990 die Idee hatte, die stinkende, heruntergekommene Warehouse-Ansammlung inmitten einer Straßenpflaster-Mondlandschaft für betuchte Manhattanites zu erschließen, wird sich sicher selbst am meisten über den Erfolg wundern: Als erste Schlachtbetriebe in Lofts konvertiert wurden, hielten sich die Yuppies bei den „Open House“-Tours wohl noch die Nase zu. Doch den ersten Pionieren folgten rasch die Heerscharen an trendy New Yorkern mit dem nötigen Kleingeld: Als schließlich Kim Cattrall aka Samantha Jones ihre Onenightstands in der Kult-TV-Serie „Sex and the City“ in der düsteren Straßenbeleuchtung zu ihrem Apartment in der Gansevoort Street lotste, gab es kein Halten mehr. 2004 knallte das „New York Magazine“ mit seiner Beurteilung als „most fashionable“ Nachbarschaft Manhattans den Gütesiegel auf die unglaubliche Erfolgsstory zwischen den Schlachthäusern. Inzwischen rollen die Limos der Stars jede Nacht zu den heißesten Nightclubs und Bars wie Tenjune, One, Cielo, APT, PM und Aer. Wer Paris, Lindsey oder Brittney beim Feiern treffen will, muss sich wohl hier in die Warteschlangen zwängen. Natürlich ist die Gegend für die wirklich coolen New Yorker – ja, natürlich gibt es auch jede Menge Dünkel im Melting Pot – längst eine Horrorshow aus Möchtegern-Stars, schlecht gekleideten Neureichen und Bridge-and-Tunnel-People (jenen, die über Brücken und Tunnel aus Queens, Long Island oder, graus! New Jersey strömen) verkommen. Ich erinnere mich noch mit Grauen an eine Nacht in der Dachbar des Gansevoort Hotels, als komasaufende Horden an Twenty-Somethings ein Flair wie bei der Spring Break in Daytona Beach kreierten.

Doch die ultimative Auszeichnung des Aufstieges des Meatpacking-Distrikts kam dieses Wochenende, als Apple in einem zweistöckigen Riesenwarehouse sein drittes New Yorker Flagship-Store eröffnete. Meatpacking-Veteranen sehen es auch als letztes Highlight eines totalen Ausverkaufes der einst trendigen Gegend: „There goes the neighborhood„, lamentierte prompt der New Yorker Gossip-Blog „Gawker“.

Macstore
Mac-Store im Meatpacking-Distrikt: „There goes the neighborhood…“

„Makk, Makk!“, deutet eine rundliche Russin auf das kühle Loge des angebissenen Apfels, als ich die neue Attraktion am Hudson auskundschafte. Auf den drei Levels mit der gewohnt gewinnenden Innenarchitektur aus Glas- und Stahlkonstruktionen samt kultiger Wendeltreppe, leuchtenden Wanddisplays der attraktiven Apple-Produktpalette und großen „IKEA“-Tischen aus hellem Birkenholz drängen sich vor allem, vom dümpelten Dollar beim Christmas-Shopping beflügelte Europäer. Den Small-Talk dominieren Fachfragen vom Entsperren des iPhone für den Einsatz in Europa, wo es eineinhalbmal zu viel kostet.

Meine Familie hat sich inzwischen in die Warteschlange vor dem populären Bistro „Pastis“ gereiht. „Forget it“, erreicht mich Estee am Handy: „45 Minuten Wartezeit und wirklich komische Leute“, sagt sie. Tatsächlich: Aus einem Taxi steigt etwa ein Typ, der mit seinem schwarzen Ledermantel mit wuchtigen Schulterpolstern aussieht wie der Bösewicht „Zorg“ im SciFi-Klassiker „The Fifth Element“. Ich habe jetzt genug Flair eingefangen und flüchte mit Estee und den Kids zu einem weit weniger profilierten Brunch-Place ein paar Blocks weiter. Als ich den Stroller durch die weiterhin atemberaubende Kraterlandschaft der Straßen inmitten dieser schicken Gegend aus Apple-Store, Multimillionen-Lofts, Celebrity-Nightspots und Designerläden rolle, denke ich mir: Selbst die glamouröseste urbane Erneuerung hat sich offenbar noch nicht bis zur Rathausfachabteilung zur Straßenerhaltung durchgesprochen.