Print Friendly, PDF & Email

Die Politiker haben aufgegeben. Die Medien offenbar auch. Eine effektive Waffenkontrolle in den USA scheint in fernerer Zukunft denn je. Eines muss man der Waffenlobby „National Rifle Association“ (NRA) lassen: Sie exzerziert vor, wie effektive Einflussnahme auf die vielgepriesene US-Demokratie funktioniert.

hawkins
Mall-Killer Hawkins: Ärmel aufgekrempelt…

Der Reihe nach: Amerika erlebt gerade seine „Scary Christmas“ (Drudgereport), einen blutigen Advent mit neuen Amokläufen so alle paar Tage:

  • Zuerst marschierte der 19-Jährige Robert Hawkins, der in psychiatrischer Behandlung stand, da er seinen Stiefvater hatte töten wollen und dem sogar der Rauswurf bei McDonald´s gelang, nachdem er $17 einstreifte, seelenruhig in das luxuriöse „Von Maur“-Einkaufszentrum in Omaha, Nebraska: Überwachungskameras zeigen ihn zunächst mit schwarzem Sweater, Barett am Kopf und Sonnenbrillen. Ein ganz normales Kid in der Mall. Die nächste Aufnahme: Hawkins hat seine Ärmel aufgekrempelt, er hält eine Maschinenpistole im Anschlag, gleich neben einer Schaufensterpuppe. Minuten später sind Hawkins und acht weitere Menschen, Shopper und Personal, tot. Er wollte berühmt werden, kritzelte er in seinen wirren Abschiedsbrief.
  • Vier Tage später: Matthew Murray, 24, platzt kurz nach Mitternacht in die Weihnachtsfeier junger Missionare im Denver-Suburb Arvada, erschießt zwei, verletzt zwei weitere. Er rast zur „New Life Church“ ins 113 Kilometer entfernte Colorado-Springs und ballert dort weiter: Wieder zwei Tote sind zu beklagen, ein Teenager-Geschwisterpaar, bevor eine Wachbeamtin Murray niederstreckt. Die blutige Story wirkte irgendwie fehl am Platz angesichts der TV-Bilder einer idyllischen Szenerie: Dicke Schneedecke, verzierte Christbäume, vereinzelte Flocken. Advent in den Rockies. Murray soll sich 2002 vergeblich um eine Aufnahme in die Missionars-Truppe bemüht haben. Am Internet postete er: „Ich hasse alle Christen!“ Ernst nahm ihn niemand.
  • Fast lapidar, irgendwie resignierend wurde das schockierendste Faktum bei den jüngsten Advent-Amokläufen zur Fußnote: Hawkins war bewaffnet mit einer AK-47, 62 x 39 mm halbautomatischem Gewehr; Murray legte los mit ebenfalls einer AK-47, hatte ein Gewehr, eine automatische Pistole und 1.000 Schuss Munition dabei.

    Eine neue Debatte um den offenbar zu leichten Zugang unstabiler junger Leute zu regelrechter Armeebewaffnung wäre sicher angebracht – doch die Luft scheint aus diesem Thema hier in die USA nun wirklich vollständig draußen. Zum echten heißen Politthema war die Waffendebatte noch nach dem „Columbine Highschool“-Massaker geworden, als die Schüler Eric Harris und Dylan Kliebold in schwarzen Trenchcoats 12 Mitschüler und einen Lehrer erschossen, bevor sie sich selbst richteten. Doch als sich die Aufregung legte, waren die Gesetze nahezu unverändert (woran auch die Kult-Doku des Filmemachers Michael Moore „Bowling for Columbine“ über das Land der unbegrenzten Massaker trotz allem weltweiten Geklatsche wenig änderte). Als in diesem Frühjahr der wirre Schüchti Seung-Hui Cho mit 32 Toten am Campus der „Virginia Tech“-Uni in Blacksburg für den blutigsten Amoklauf der US-Geschichte sorgte, lieferten selbst progressive Politiker nur mehr Rückzugsgefechte. Natürlich hätte, selbst unter den waffenfreundlichsten Gesetzen der USA im Jägerparadies Virginia Cho wegen mehrfacher psychiatrischer Behandlung niemals die beiden Tatwaffen, Pistolen der Type „Glock 19“ und „Walther P22“, so einfach ausgehändigt bekommen sollen. Nach einer Serie schwülstiger und populistischer Politiker-Statements ebbte auch diese Diskussion rasch ab, ohne nennenswerte Gesetzesänderungen.

    Begründet liegt der Waffenwahn in den USA in seiner Cowboy-Geschichte – und der NRA. Gegründet 1871 aus Sorge um mangelnde Treffsicherheit der Unions-Soldaten im Amerikanischen Bürgerkrieg, pumpt die Waffenlobby mit ihren 4,3 Millionen betuchten und fanatischen Mitgliedern jährlich Millionen in die „Bearbeitung“ von Kongress-Abgeordneten. Renetente Politiker werden in ihren Wahlbezirken mit Schmutzkübel-Kampagnen eingedeckt. Viele sind nach dieser „NRA-Betreuung“ abgewählt worden, noch mehr greifen die „heiße Kartoffel“ strengerer Waffengesetze lieber gar nicht mehr an. Um die Debatte weiter zu vernebeln, schlagen die NRA-Lobbyisten nach jedem neuen Massaker dann allen ernstes die Bewaffnung der potentiellen Ziele vor: Schüler, Studenten, Shopper, Kirchengänger. Alle bewaffnet, bereit zum Feuergefecht.

    Wirklich kapiert habe ich die Waffenkultur der NRA-Fanatiker erst, als ich vor Jahren ihr Waffenmuseum in deren Hauptquartier in Fairfax, Virginia, inspizierte: Das Bild der „Nursery“, dem Babyzimmer, wo die Flinten an der Wand hingen, hat sich in mein Gehirn tief eingeprägt. Beim NRA-Baby gilt die erste erlernte Feinmotorik der Finger wohl einem Gewehrabzug.

    Anstatt einer Waffendebatte fokusieren auch die US-Medien nun lieber auf Heldengeschichten: Jeanne Assam etwa, ein Mitglied der „New Life Church“ und Security-Guard. Sie erschoss den Amokläufer Murray vergangenen Sonntag – und „rettete vielleicht hunderte Menschenleben“, so immer verklärtere Lobeshymnen auf die zielsichere Blondine. „Ich wusste, dass ist der Einsatz meines Lebens“, berichtete die Heldin den Lokalmedien. Und Gott habe „ihre Hand geführt“. Zugegeben: Solche Stories sind erhebender im Advent als das ewige Genörgel, warum Kids mit AK-47 herumlaufen. Einziges Pech: Der Gerichtsmediziner urteilte, dass Murray sich letztendlich selbst richtete.