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Der Ballsaal in der Gracie Mansion, der historischen Bürgermeister-Villa am East River, Höhe 88. Straße, ist gerammelt voll. Das notorische press corps der Metropole entspannt sich, zumindest einen Abend lang, bei free drinks und hor deurs hektisch gestikulierend zwischen einem imposanten Weihnachtsbaum an einem Ende der Halle, einem Konzertflügel am anderen. Ein kleingewachsener, recht unscheinbarer Mittsechziger, fast schüchtern nach unten blickend, drängt sich durch die bereits recht erheiterte Menge. Er schleppt einen roten Jutesack hinter sich her. Ein Weihnachtsmann im Maßanzug. „Das ist doch…“, fällt einer der jungen Serviererinnen fast das Silbertablett mit den Lachsbrötchen aus der Hand.

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Michael Bloomberg

Richtig: Michael Bloomberg, 65, Gründer des gleichnamigen Finanzdienst-Medienimperiums, mit auf bis zu 20 Milliarden Dollar geschätztem Privatvermögen einer der reichsten Erdenbürger, King of New York. Er hat die Presse zur jährlichen Weihnachtsfeier geladen: Mit dem typisch lausbübischen Grinsen, nasalen und einschläfernden Dozieren verteilt er humorige Geschenke an Journalisten, die ihn heuer besonders nervten.

„Bloomy“, wie er inzwischen fast liebevoll im Big Apple genannt wird, hat allen Grund zur Heiterkeit: Er gilt als eine der heißesten Polit-Immobilien der USA. Vor allem seit spekuliert wird, ob er doch noch als „Ross Perot, Version 2008“, als Independent in die nächstjährige Wahlschlacht zur Bush-Nachfolge einsteigt. Gebannt verfolgen Demokraten wie Republikaner jedes kleinste Manöver des „politischen Hybriden“ (offiziell Republikaner, sachlich Demokrat): Bedeuten seine jüngsten Trips zur Klimakonferenz nach Bali, dass er international beim wichtigsten Zukunftsthema an Profil gewinnen will? Heißt sein China-Besuch, dass er die geostrategischen Tiefen zwischen den rivalisierenden Supermächten auslotet? Dient die Serie an Spezialbriefings in Sachen Weltpolitik bloß zum besseren Verständnis beim Regieren des melting pots New Yorks oder büffelt er bereits für die TV-Debatten des Präsidentschaftswahlkampfes?

Bloomys Aufstieg als Politiker hat viele überrascht: Als er 2002 die City übernahm, nachdem er sich den Posten mit 74 Millionen Dollar aus seiner Privatbörse praktisch erkaufte, rauchte die 9/11-Trümmerhalde auf Ground Zero noch. New York war schwer verwundet, psychologisch, wirtschaftlich, überhaupt. Und Rudy Giuliani befand sich derart im Taumel als umjubelter America´s Mayor, dass er ernsthaft vorschlug, er würde die Stadt lieber in diesem schweren Zeiten noch ein wenig länger weiterregieren wollen. Viele hatten fast Mitleid mit dem im Vergleich blassen, neuen Stadtchef.

Tatsächlich war es eine Radikalkur vom hyperventilierenden Supercop Giuliani zum knochentrockenen business man: Bei Vorträgen versetzte Bloomberg New Yorker in Tiefschlaf, sein Stab raufte sich die Haare, als er selbst bei erfolgreichen Projekten seine Rolle stets kategorisch ausklammerte. Rasch stürzten seine Popularitätswerte auf unter 20 %. Doch letztendlich kapierten die New Yorker, dass Bloomberg nicht wegen seines Charismas sondern als fähiger Chefarchitekt des unglaublichen Comebacks nach dem Jumbo-Horror in die Annalen New Yorks eingehen wird. Im Oktober 2005 brauchte er nur mehr 66 Millionen hinblättern – und ließ den Demokraten Fernando „Freddy“ Ferrer, gegen den selbst Bloomberg wie eine Stimmungskanone wirkt, mit 20 % Vorsprung zurück.

Heute, mit der niedrigsten Mordrate (weniger als 500 Tote in 2007) seit Beginn der Polizeistatistik, dem gewaltigsten Bauboom seit den Dreißigern (18,4 Milliarden Dollar etwa in 2005 an Investitionen), den mit Touristenscharen in Rekordzahl verstopften, glitzernden Shopping-Meilen und einer immer dichteren Skyline aus Luxus-Condos sind die New Yorker froh, dass Giuliani nun der Nation bei seiner Oval-Office-Kandidatur vorexerziert, was für ein engstirniger Kotzbrocken er eigentlich ist.

Genug gekichert beim fröhlichen Geschenkaustausch, Bloomy hat sich in einem Nebenraum der Gracy Mansion zurückgezogen. Apropos: Ein Rundgang durch den 1799 erbauten, barocken Generalangriff auf die Sinne macht verständlich, warum er lieber in seinem weitläufigeren town house nahebei lebt und die, für New Yorker Verhältnisse schrebergartenhausgroß anmutende Villa im Landhausstil samt Holzveranda Besuchern überlässt oder Rezeptionen abhält (wer dort übernachtet, hat wahrscheinlich durch die Orgie an Bildtapeten, Kristalllustern, wuchtiger Stuckatur und Ziertischchen Alpträume, in dem Bürgerkriegssoldaten mit gezückten Bajonetten und lautem Gejohle hoch zu Ross durch die Gartenanlagen galoppieren…).

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Barock-Orgie: Gracie Mansion

Es sei auffällig, dass er zuletzt derart überschwenglich Arnie lobe, spreche ich Bloomberg an. Es sei wirklich ein Jammer, antwortet er prompt und freundlich, dass ein „derart großartiger, talentierter und zupackender Politiker nicht für das höchste Amt im Staat kandidieren könne“. Ein Bodyguard übergibt ihm plötzlich sein Handy. Nach ein paar Worten gibt er es weiter an seine Freundin, die fast um einen Kopf größere Diana Taylor. „Wie du willst“, säuselt er, als sie Rücksprache hält. Es geht wohl um die weitere Planung des Abends — oder die Farbe eines Vorzimmer-Teppichs. „Ach ja, Schwarzenegger“, dreht er sich wieder zu mir: „Auf diesen Landsmann können Sie stolz sein“. Das Schwärmen legt doch irgendwie den Verdacht nahe, dass Bloomy und Arnie gerne, so imposant, wie sie „Time“ damals am Cover abbildete, die US-Politik als Powerduo aufmischen würden (wenn es die US-Verfassung erlaubt hätte). Aber vielleicht fällt ihnen ja noch was ein: „Wir haben bei unserem letzten Dinner viel darüber geredet“, schließt Bloomy kryptisch.