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Da stand ich bei “Borders” am Broadway und blätterte mich mitten im Gewühl der Last-Minute-Christmas-Shopper durch die großen US-Tageszeitungen auf der Suche nach der ultimativen Infografik. Sie soll auf einen Blick erklären, wer bei den kommenden US-Vorwahlen die besten Chancen hat. Verzweifelt stammelte ich bereits am Telefon mit meinen Kollegen in Wien: „Ich bezweifele, dass es die gibt…“. Aber vielleicht habe ich sie auch nur übersehen. Geduldig blättere ich weiter. Es ist fast wie die Suche nach der ultimate question of life, the universe, everything aus Douglas Adams Hitch Hiker´s Guide to the Galaxy.

Dass es mit keinem antretenden Vizepräsidenten, keinem zur Wiederwahl stehenden Amtsinhaber bei der Schlacht ums Oval Office so spannend wie seit 80 Jahren nicht mehr wird, war angekündigt. Doch jetzt überschlagen sich die US-Medien regelrecht – mit Ratlosigkeit. Meinungsumfragen bieten oft zumindest einen kleinen Wegweiser durchs Dickicht wilder Spekulationen, Kandidaten-”Spinn” und konträrer Analysen der talking heads in den Nachrichtenkanälen. Doch diesmal stürzt jede weitere poll Nation und Experten tiefer in die totale Verwirrung: Überflieger Hillary etwa stürzte aus luftigen Höhen landesweit – und fiel in Iowa, wo die Vorwahlsaison am 3. Jänner mit dem Iowa Caucus startet, gar hinter Obama zurück. Oder ist sie? Laut CNN-Umfrage liegt sie mit 30 % vor Obama (28 %) und Edwards (26 %), laut ABC führt Obama mit 33 % vor Hillary (29 %). Und dann gibt es überhaupt die Umfrage des Instituts “Insider Advantage”, wo plötzlich Edwards in Iowa mit 30 zu 26 % vor Hillary führt. In Wirklichkeit alles too close to call, ein Politthriller.

Fünf Tage nach Iowa folgt New Hampshire – und auch dort schien Hillary hinter Obama zurückzufallen. Doch das Impire strikte back – mit wilden Breitseiten von Gatten Bill und ihren Helfern: Obama zu wählen wäre wegen seiner Unerfahrenheit ein “Roulettespiel”, warnte Bill schrill, andere brachten Obamas Kokainkonsum als Teenager, seinen Mittelnamen “Hussein” und seinen Moslem-Dad ins Spiel. Eine perfide aber wirkungsvolle Strategie: Die Dems fokusieren am stärksten auf die “Wählbarkeit” ihres Kandidaten. Man kann es ihnen nicht verdenken: Sie wollen nach acht Jahren Tortur durch Bush & Co das White House zurückerobern. Hillary entschuldigte sich, doch die Tiefschläge wirkten: Im tief verschneiten New Hampshire kommt für sie nun mit einer knappen Führung vor Obama wieder ein wenig Adventstimmung auf, gerade zur rechten Zeit, als Hillary der Nation, via schön choreografierter TV-Interviewserie ihre „sanfte Seite“ präsentiert.

Wie sich die Meinungsforscher mit dieser bisherigen chaotischen Wahlschlacht abmühen, zeigt die Schwankungsbreite der nationalen Umfragen: Je nach Institut liegt Hillary alles von 22 % bis 8 % voran… Dabei wird ohnehin gewarnt, nationale Umfragen überzubewerten: Durch die innere Dynamik des Prozederes und den bei frühen Siegen garantierten Medienhype werden meist in Iowa, spätestens New Hampshire die Weichen für Vorwahl-Triumphe gestellt.

Deshalb – und ich bin beim noch unübersichtlicheren Republikaner-Rennen angelangt – kratzen sich alle Politbeobachter ratlos die Stirne über die Strategie des ehemaligen Frontrunners Rudy Giuliani: Der tuckert durch Florida und plant, nachdem er Iowa und New Hampshire offenbar abgeschrieben hat, dort ein spätes Comeback bei den Primaries am 29. Jänner. Damit ist ihm gelungen, mit allen Reportern in Iowa, jegliche Medienberichterstattung zu vermeiden (was ihm angesichts der peinlichen Stories, wie NY-Cops den Köter seiner damaligen Mätresse Judith Nathan äußerln führten, vielleicht gar nicht unrecht ist). Apropos Judi: Die Idee scheint so verrückt, dass fast sie dahinter stecken könnte. Vielleicht wollte sie lieber zwischen tropischen Palmenhainen Wähler grüßen als ihn New Hampshire durch Schneewechten waten.

Die Führung in den nationalen Umfragen ist Giuliani los, nachdem er jetzt mit Mike Huckabee, Mitt Romney und „Comeback Kid“ John McCain Kopf an Kopf liegt: Laut WSJ/NBC sind Romney und Giuliani mit 20 % gleichauf, Huckabee mit 17 % knapp dahinter. Zogby/Reuters sieht Giuliani mit 23 % knapp vor Huckabee 22 %, alles natürlich tief in der statistischen Schwankungsbreite. Und laut Fox-Umfrage liegt plötzlich McCain mit 19 % mit Senkrechtstarter Huckabee gleichauf einen Punkt hinter Giuliani.

Aber, erinnern wir uns: Wenn kümmern die nationalen Umfragen? Right: In Iowa führt also Huckabee, in New Hampshire Romney knapp vor McCain, in Kalifornien, dem größten Preis am “Super Tuesday” (5. Februar), Giuliani. “Das Rennen sei völlig offen”, verschaffen selbst die sonst verlässlichsten Polit-Gurus im TV bei ihren Analysen echte Klarheit.

Fest steht nur: Mika Huckabee ist die Sensation bisher – und er könnte zum perfekten Betriebsunfall der Republikaner werden! Jahrelang hatten die fanatische Christenfundis umgarnt, um Bush im Amt zu halten. Und jetzt könnte der Ex-Prediger leicht ihr Oval Office-Kandidat werden: Und er ist sicher, wegen seiner extremen Ansichten, genau jener mit den geringsten Chancen gegen Hillary, Obama (oder Edwards). Be careful what you wish for, heißt es hier. Die Dems haben bereist per internem Memo die Anweisung erteilt, ihren “Traumgegner” keinesfalls zu attackieren.