Print Friendly, PDF & Email

Club House steht auf der Türe, dazu die üblichen “Bud Light”-Leuchtschriften. Drinnen alles düster, vergammelt, eine Orgie an Brauntönen. Zusätzlich scheint es der letzte Ort in den USA zu sein, wo das Zigarettenrauchen an der Bar noch gestattet ist. “Von wem werden sie bezahlt”, faucht mich ein Gast an. Er hat ein verwittertes Gesicht, eine abgewetzte Baseballkappe am Kopf, ein Glas voller Eiswürfeln vor – und vielleicht zu viele Whiskeys in sich.

Hillary Iowa
Hillary im Wahlkampf: „Keine Zeit für Experimente…“

Es ist früher Nachmittag in Carroll, einem Straßendorf im tiefsten Iowa, eineinhalb Autostunden von der Kapitale Des Moines entfernt. Draußen hat es – 6 º Celsius, Hochnebeldecke, Raureif auf den Bäumen, leichtes Schneegrieseln. Irgendwie ist alles so erbauend wie der Wiener Zentralfriedhof im November. Nun stehe ich in diesem düsteren Restaurant und versuche dem Local Grump klarzumachen, dass ich kein Undercover-Agent der US-Regierung bin oder Spion der Hexe Hillary. “Ich rede nicht über Politik”, sagt er schließlich knapp und bestellt einen weiteren Drink. Wieder dreht er sich um: “Warum sind sie hier? Ein Reporter aus Austria? Das ist doch ein Witz?”

Und ich dachte, hier im “Herzen Amerikas” sind die Leute freundlich. Eine Stunde ist mein Iowa-Trip alt und ich freue mich bereits auf die Rückreise nach NY. Resignierend versuche ich noch einen letzten Anlauf: “Die Welt interessiert sich eben für die Iowa-Wahl, weil hier oft die Vorentscheidung fällt, wer der nächste US-Präsident wird?” Aber in Wirklichkeit frage ich mich bereits selbst: Warum bin ich wirklich hier? In dieser deprimierenden Einöde?

Eine zirka 75-Jährige sitzt daneben, Wollmütze am Kopf, kleines Bier vor ihr an der Theke. Sie bringt schließlich doch noch raus, dass ihr Edwards irgendwie gefällt und ihr “Health Care” wichtig ist. Ob sie zum Caucus geht? “Aber woherdenn”, winkt sie fuchtig ab. Auch die Kellnerin, obwohl weder besoffen noch verkalkt, will nicht über Politik reden: “Ich bin nicht gebildet genug, um eine Stimme abzugeben”, sagt sie. Dem alten Paranoiden rutscht dann doch noch was fast humoriges heraus: Er habe gehört, dass Mike Huckabee kürzlich hier bei der Fasan-Jagd war und auch einen Vogel getroffen habe. “Immerhin schießt der besser als Cheney”, sagt er. Ich verlasse dieses “Ground Zero” einer Politverdrossenheit, wie sie vor allem in ärmlichen Regionen der USA immer stärker grassiert.

HillPlakat
Kids werben für Hillary

Gleich um die Ecke haben sich hingegen im Auditorium der örtlichen High School die lokalen Polit-Fans versammelt: Hillary Clinton ist für 16 Uhr angesagt. Carroll ist Station ihrer “Wählt eine Präsidentin”-Tour. Unter diesem Motto absolviert sie den Endspurt in den letzten Tagen vor dem Iowa-Caucus. Fast ein Jahrzehnt lang hat die Ex-First Lady zielstrebig auf ihren historischen Einzug ins Oval Office als erste Frau der US-Geschichte hingearbeitet. Und alles lief zunächst wie auf Schienen: Ihre Wahl zur New-York-Senatorin 2000, der Feinschliff am Politlebenslauf, die erste Phase des heurigen Wahlkampfes, wo sie souverän dominierte. Doch plötzlich geht es wieder um alles: Sie liegt mit ihren Top-Kontrahenten Barack Obama und John Edwards Kopf an Kopf.

Gut 200 Bürger sind gekommen, sie sind, und das ist typisch für die Hillary-Crowd, mehrheitlich im Pensionsalter. Und weiß. Aber dafür können sie nichts. Der Schweinezüchterstaat ist mit 98 % Whites der am wenigsten farbenfrohe Ort der USA. Auf einer Minitribüne haben Kinder, Frauen und Vollbärtige Platz genommen: Sie bieten, besonders für die TV-Bilder, die geeignete Staffage für Politikerauftritte. Die Bürgermeisterin unterhält die Menge mit einem Hillary-Quiz, das natürlich mit der Zwölferfrage endet: “Wer wird die nächste Präsidentin?” Ihre Stimme überschlägt sich.

“Sie braucht kein Training, sie kennt das White House in- und auswendig”, hat Max Irlmeier (73) Hillary bereits Obama oder Edwards vorgezogen. Und er führt noch einen weiteren kuriosen Grund an: Beide der Hillary-Gegner hätten kleine Kinder! “Wer könne die USA regieren und sich gleichzeitig dauernd Sorgen um die Kids machen?”, fragt er. Netter Einwand, den JFKs John F. jr. dreijährig unter dem Tisch im Oval Office jedoch schon in den Sechzigern widerlegte.

In der Medientribüne starrt die Weltpresse in ihre Laptops: Emails werden gecheckt, Stories geschrieben, das Web nach den letzten Aufregern und Umfragen durchsucht. Ein Hillary-Mitarbeiter schleppt wegen dem miesen Handy-Empfang stets einen offenbar satellitengespeisten Internet-Hotspot mit sich. Eigentlich müsste fast niemand mehr hier sein.

Endlich Hillary! Wie immer ist sie perfekt durchgestylt, Föhnfrisur, Hosenanzug, diesmal dunkelbraun, passend zum ländlichen Mobiliar. Ihr Stimme ist heiser. Drei Auftritte hat sie an diesem Tag schon hinter, zwei noch vor sich. Tochter Chelsea sitzt kerzengerade inmitten der Bürger, wie die ist auch sie nur Dekoration. Hillarys Rhetorik kreist in der 45 Minuten langen Standardrede immer wieder um die Schlagworte wie “Erfahrung”, “Schlagkraft” und “Leadership”: Sie beschreibt, wie sie als First Lady mit Weltenlenker anstieß, sich bei der großen UNO-Konferenz in Peking für “Frauenrechte” ins Zeug warf. Oder wie sie sich als Senatorin um Obstbauern, Nationalgardisten und Bedürftige einsetzte. All die rührenden Anekdoten sollen eine zentrale Botschaft in die Wählergehirne meisseln: Der Stapel an Problemen, den George W. Bush “auf seinem Schreibtisch hinterlasse”, wie sie unter dem Aufjohlen der Menge ruft, “ist zu überwältigend und die Zeiten zu ernst für Experimente”: Der Irakkrieg, die Krankenversicherungskrise, neun Billionen Dollar Staatsschulden, die Herausforderungen des Klimawandels, die verarmende Mittelschicht. Nur die erfahrene Hillary kann den Karren aus dem Dreck reißen, nicht das Greenhorn Obama!

Nur einmal schert Hillary aus der geschliffenen Ansprache aus, als sie sich an die früheren Treffen mit der, Stunden zuvor ermordeten Benazir Bhutto erinnerte. “Menschen starben dort, weil sie für die Demokratie auf die Straße gingen”, so Hillary im ernsten Ton. Prompt muss ich, etwas angewidert, an die Ignoranten in der Bar denken…