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Ich sitze in einem Polizeiwagen am Highway 63 und tippe an diesem Blog. Mein Auto steckt tief im Neuschnee im Graben zwischen den beiden Fahrspuren. Der eisige Wind hat Schnee auf die Fahrbahn geweht – in Sekundenbruchteilen war der Wagen über die spiegelglatte Fahrbahn geschlittert, drehte sich mehrmals und rutsche schließlich von der Fahrbahn. Das Auto kam ruckartig zum Stillstand, der Motor heulte noch, es roch verbrannt. Ich atmete durch. Überlegte: “Now what?” Prompt klopfte der freundliche Cop von der Highway-Patrouille an die Fensterscheibe: “Brauchen Sie Hilfe?” Flottes Service in Iowa. Er funkt um einen Abschleppwagen. Während wir warten, sehen wir weitere Autos in den Graben rutschen. Eines kracht fast in meinen Wagen. “Wie im Reality-TV”, scherzt der Cop.

Obama
Obama Superstar: „Gut gelaunt heute…“

Das sind offenbar die Tücken im frostigen Iowa. “Ganz schön viel Schnee heute morgen”, hatte Stunden zuvor Barack Obama seine Fans in einer Turnhalle eines Gymnasiums in der Kleinstadt Coralville begrüßt. Damals hatte ich noch über die offensichtliche Bemerkung gekichert.

Obama! Was für ein Unterschied zu Hillary! Kein Wunder, dass die Nation Kopf steht. Wenn er redet, läuft einem die Gänsehaut auf. Elektrizität liegt in der Luft, ein Hauch von Geschichte. Pärchen umarmen sich bei besonders rührenden Redepassagen. Anderen kullern Tränen über die Wangen. Alles wirkt wie in einem Hollywood-Film, ein Remake von “Primary Colors”: Junger Senator, unbändiges Charisma, der mögliche Aufstieg zum mächtigsten Politposten der Erde.

Die Halle ist zum Bersten voll: Gut tausend Menschen drängen sich auf Tribünen, sitzen auf Klappstühlen, stehen am Gang, sogar ein “Overflow Room” musste eingerichtet werden. Sie sind jünger, bunter. Kein Seniorenheim wie bei Hillary. Aretha Franklins Song “Freedom, Freddom” dröhnt aus den Boxen. Nun steht Obama vor einem Riesentransparent “CHANGE WE CAN BELIEVE IN”, offener Hemdkragen, Sakko, lässig, cool. Er sieht noch jünger aus als im TV, mit den großen Löffelohren fast spitzbübisch. Obamas Rede klingt irgendwie wie eine Symphonie: Adagio (langsam), wenn er sein Programm erläutert, fortissimo wenn er gegen Bush oder den Irakkrieg wettert, piano, wenn er anklagend erzählt, was weniger betuchte Bürger in Bushs Amerika oft erdulden müssen.

Obamas Rhetorik ist nicht ganz so geschliffen wie Hillarys, doch er wirkt authentischer. Mitunter auch richtig witzig: “Meine Gegner sagen, ich hätte nicht genug Erfahrung, um Präsident zu werden”, spielt er an auf die jüngste, vehemente Kritik der Clintons (Bill hatte kürzlich sogar gemeint, Obama-Wähler würden Roulette mit Amerikas Zukunft spielen). “Ich weiß, ich weiß”, lacht er: “Lieber soll man offenbar so lange in Washington gekocht werden, bis der letzte Funke Hoffnung aus einem draußen ist…”. Er macht sich lustig, wie ihn seit kurzem alle kopieren, besonders seinen Slogan Change: “Was für eine große Schar an Veränderern wir jetzt sind”, ätzt er: “Nachmachen ist die offensichtlichste Form des Kompliments“. Dann scherzt er, wie er zur Reform der Gesundheits-Reform alle Player an einen großen Verhandlungstisch bringen will – und selbst im “größten und bequemsten Sessel sitzen wird”, da er ja dann Präsident sei. Obama scheint besonders gut gelaunt, einige der ihn dauerbegleitenden Journalisten schütteln fragend den Kopf: “Was ist los mit ihm?” Obama rüstet zum Finale: “Euer Moment ist gekommen!”, ruft er in die nun tosende Menge: “Stellt euch auf die Füsse! Verlangt Change!”

Obamas Botschaft ist einfach: Er ist der Outsider, der echte Reformer! Hillary sei längst Teil der alten Garde, des Polit-Establishments – genau jenes übrigens, das ein junger, charismatischer Gouverneur aus dem Süden erfolgreich in die Knie zwang: Bill Clinton.

Car
Abschleppfirma Thomas rettet meinen Mietwagen…

Der Abschleppwagen ist da, die Firma heißt “Thomas”. Ausgerechnet! Muss ich Maxwell erzählen. Sie ziehen meinen Wagen raus, ich zahle 100 Dollar und fahre weiter zum nächsten Iowa-Schauplatz.