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Der Ausritt in den Straßengraben konnte mich nicht davon abhalten, mir doch noch den Republikaner-Senkrechtstarter Mike Huckabee (52) anzusehen. Alle reden über Huckabee, dem Baptistenprediger mit samtener Rhetorik und Ansichten eines Religions-Fundis – der von 3 % im Sommer mit fast 30 % nun Mitfavorit in Iowa ist. Noch dazu geboren in Hope, Arkansas, wie Bill Clinton. Im lokalen Theaterkomplex der Kleinstadt Ottumwa warten seine Fans, stramme Evangelisten, deren “Darling” der Ex-Gouverneur aus Arkansas längst ist. Schon die biedere Menge bietet einen erstaunlichen Kontrast zur coolen Rockkonzert-Atmosphäre des Obama-Events: Der Unterschied zwischen Demokraten und Republikanern ist gewaltig – und sogar optisch feststellbar. Republikaner sind oft schlecht gekleidet, übergewichtig, hören Schnulzen und pflanzen US-Flaggen im Garten. Ein Klischee, sicher, doch nach einem kurzen Blick in die Sitzreihen eines mit einem solidem Fundament an Wahrheit. Aus den Boxen säuselt God Bless America und andere hurrapatriotische Hymnen. Musik, die nicht einmal der örtliche Walmart im Advent spielen würde.

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Senkrechstarter Huckabee: Faith, Family, Freedom…

Huckabees Operation könnte ganz nach dem Motto der Tramper-Bibel “Lonely Planet” als Iowa on a Shoestring bezeichnet werden: Kein Media Center, kein mobiler Internet-Hotspot, ein paar Freiwillige, die Broschüren verteilen. Knapp über $300.000 hat Huckabee bisher in Iowa ausgegeben. Mitt Romney, sein Top-Konkurrent hier, über sieben Millionen. Huckabee erscheint – erstaunlich förmlich für das Strickpullover- und Baseball-Kappen-legere Iowa gekleidet – in schwarzem Anzug samt Krawatte. Er schüttelt Hände, hält das obligatorische Wahlkampfbaby in die Höhe. 50 Kilo hat Huckabee abgespeckt, jetzt sieht er ein wenig aus wie Kevin Spacey. Seine Stimme ist angenehm, freundlich, seine Rede fließt harmonisch. Leicht ist zu erkennen, warum Huckabee in dem Republikaner-Kandidaten-Feld aufstieg, das einer Monty Phyton-Parodie entspringen könne – starring der kollerische Giuliani, der greise McCain, der steife Romney, in Nebenrollen Minihitlers á la Tancredo (der Mekka eine mushroom cloud androhte).

Huckabee reißt zunächst Witze, die erste Phase seiner stump speech wirkt eher wie eine stand-up comedy. “Als ich gestern im TV all die Attacken gegen mich sah, wollte selbst ich nicht mehr für mich selbst wählen”, scherzt er über Romneys Barrage an attack ads. Dann erzählt er etwas langatmig, wie er sich als Gouverneur in Atkansas in den Dienste der Bürger stellte; wie sein fester Christenglaube als Fundament für einen präsidentenwürdigen Charaker sorgen wird; wie er ein Agent von main street, den einfachen Bürgern, und nicht von Wall Street, den Yuppies in NY, sein will; wie er die US-Steuerbehörde IRS auflösen und alle Steuern durch eine 23%ige Mehrwertsteuer ersetzen will. Doch die sanfte Stimme, freundlichen Manieren und bodenständiger Hausverstand können nicht übertünchen, dass Huckabee ein fester Christenfundi ist: Er bezeichnet die mit 65 Millionen verkauften Exemplaren hochpopuläre Novellen-Serie Left Behind, wo Jesus mit Feuerschwert in einem Schachtfeld im Heiligen Land den Teufel, ebenfalls höchstpersönlich angetreten, ausradiert, als “überzeugende Geschichte”. Die Bibel nimmt der Baptisten-Priester wörtlich als “ultimative Wahrheit”. Statt an Darwins Evolutionstheorie glaubt er lieber an Gottes Schöpfungskraft. AIDS-Patienten wollte er 1992 unter “Quarantäne” stellen. Ein Grenzzaun zu Mexiko ist ebenfalls ein wichtiges Anliegen. Sein populistischer Slogan lautet: “Freedom, Faith, Family”.

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Im Nahkampf mit den Bürgern

Doch Huckabee, und dass macht ihn bei vielen durch Karl Roves Slash and Burn-Polit-Taktiken frustrierten Republikanern populär, will auch mit Demokraten zusammenarbeiten, um wieder in Washington “was weiter zu bringen”. In Arkansas regierte er durchaus überparteilich und moderat. Offen kritisiert er Bushs Amerika, wo nur die Reichen profitierten. Zum Standardrepertoire aller Republikaner gehört auch eine große Portion an Patriotismus: Er schwadroniert, was es für ein Privileg sei, Amerikaner zu sein. Er tischt die wirre Story einer befreundeten Lehrerin auf, die alle Tische in einem Klassenzimmer entfernte und sie dann von Soldaten wieder reintragen ließ, um den Kids zu demonstrieren, dass die Selbstverständlichkeit, Tische zu haben, auf der Opferbringung anderer beruhe (?).

Zuletzt kamen aber auch wegen Huckabees erstaunlicher Serie wirrer Kommentare zu aktuellen Weltkrisen, Zweifel auf: Nach Benazir Bhuttos Ermordung mahnte er, dass Pakistan seine “östliche Grenze” zu Afghanistan nicht kontrolliere, die natürlich Pakistan von Indien trennt. Dann wollte er “illegalen Einwanderern aus Pakistan” an den Kragen. Und sprach vom “bestehenden Kriegsrecht” in Pakistan, das längst aufgehoben war.

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Huckabee-Fans: „Tschüss, Illegale…“

“Huckabee wird die illegale Brut aus dem Land werfen, unsere Recht, Waffen zu tragen, verteidigen, Homoehen verhindern und die Bibel hochhalten”, freut sich James Patrick (69) nach der Rede. Jetzt ist mir fast schon ein wenig übel. Eigentlich hatte ich ja zuerst seine Frau fragen wollen, doch die winkte gleich ab: “Fragen sie lieber meinen Mann”. So ist das bei den Konservativen.