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19:25 Uhr (alle Zeiten US-Ostküstenzeit):
Der Countdown tickt auf allen Newskanälen: 0:05:48. Minuten bis zum Beginn der Oval-Office-Schlacht 2008. Bürger, die sich zu kuriosen Parteienversammlungen in Schulen, Kirchen, Rathäusern oder Privatwohnungen zurückziehen. In einem mit 2,9 Millionen Einwohnern Bundesstaat-Winzling, der sonst am ehesten durch Futures für Schweinebäuche auffällt. Dorthin blickt die Welt: Ein neuer Präsident wird gewählt. Eine Frau? Ein Schwarzer? Aufregend. Doch noch aufregender: Bush/Cheney treten ab. Eine neue Ära. Das Wiener Headquarter ruft mich mehrmals an, zum letzen mal um 23 Uhr dort drüben: Gibts was neues? Sie meinen Resultate, irgendwas. Ich muss vertrösten: Die Uhr tickt noch. Und die Umfragen sind alle „too close to call“. Die Aufregung ist aber auch in den USA gewaltig: Die Networks und News-Kanäle haben Iowa so viel Sendezeit gewidmet wie in den letzten vier Caucuses (2004, 2000, 1996 und 1992) zusammen. Es waren so viele Reporter in Iowa, dass ihnen die Stories ausgingen: In der „Daily News“ lief ein Stück, wie sich Wahlhelfer ineinander verlieben. MSNBC zeigte Caucus-Fashion. Die Kandidaten pumpten $40 Millionen in Werbungen, $200 pro potentiellen Abstimmer. Der Internet-Drudgereport brachte das nationale Luftanhalten auf den Punkt: „This is it!“

19:30 Uhr:
In den Örtlichkeiten der Demokraten-Abstimmungen schließen sich die Türen, die Versammlungen beginnen. 130.000 waren erwartet worden. Hillary, Obama & Co hätten sie am liebsten höchstpersönlich dorthingetragen: Hillary mietete etwa 530 Mietwagen, um Pensionisten hinzukarren. Gratis-Babysitter wurden angeboten. Toller Tag für junge Familien, auszugehen… Es hat – 2 º C in Des Moines, wärmer als die – 8 º C in New York. Ideale Bedingungen. Die Bürger beginnen in dem kuriosen Prozedere je nach Kandidatenpräferenz Gruppen zu bilden. Das kann ein wenig dauern. Die Talking Heads auf MSNBC füllen die Sendezeit mit Spekulationen, wie Hillary eine mögliche Niederlage wegdiskutieren könnte.

20:00 Uhr:
Die Republikaner haben sich in ihren Caucus-Orten eingefunden. Nur 80.000 sind erwartet worden, kein Wunder mit einem Provinz-Baptistenprediger und Wendehals-Mormonen als Frontrunner. Bei Wahlen gibt es „Exit Polls“, nach der Stimmabgabe. Für den Caucus haben die Networks was ganz neues erfunden: „Entry Polls“, die Meinung der Caucusianer vor dem Eintritt in die Versammlung. Das erste Ergebnis: Huckabee vs Romney, Hillary vs. Obama. Wie verwirrt wären wir ohne diese Erhebungen gewesen!

20:09 Uhr:
Genug der Spekulationen, das erste Resultat blinkt auf. Die Iowa-Demokraten haben mir User-ID und Passwort zugemailt, mit denen ich in ihr internes Zählsystem in „real time“ einsteigen kann. Der erste Wahlbezirk ist eingetroffen, in der nächsten halben Stunde sind 214 der 1.781 ausgezählt: Es führt Edwards vor Hillary und Obama. Frühe Resultate. Alles kann sich ändern. Erste Reports von hoher Wahlbeteiligung treffen ein: 200.000 werden erwartet, berichtet Newsweeks Star Richard Wolffe. Das würde Obama helfen. Laut genauerer Auswertung der Entry Polls führt Obama. 51 % der Befragten wollen „Change“, bloß 21 % setzen auf „Erfahrung“.

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Auszählung in Real Time: 8 % and counting…

20:52 Uhr:
Der „Dems“-Thriller wird Wirklichkeit: 25 % der Caucuse sind ausgezählt und Edwards liegt mit 33,52 % vor Obama mit 32,41 % und Hillary mit je 32,22 %. Frühe Resultate deuten inzwischen auf eine Sensation bei den Republikanern hin: Huckabee führt mit 36 % vor Romney 23 %.20:59 Uhr:Obama geht erstmals in Führung. MSNBC erklärt Huckabee zum Sieger!

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Sensation I: Huckabee!

Die Amerikaner haben die Schnauze voll von der Bush-Politik und einem gelähmten Kongress. Der erste Outsider hat den Sieg in der Tasche. Folgt nun Obama? Romney jedenfalls, der sieben Millionen Dollar nach Iowa pumpte, wurde von einem regelrechten Bettelkandidaten davongeblasen. Pat Buchanan prognostiziert bereits ein Duell zwischen Huckabee und McCain (der Romney in New Hampshire erledigen dürfte). Der meldet sich geschickt mit einem live übertragenen Auftritt hunderte Meilen von genau dort: „Ich habe Mike eine Message hinterlassen, um ihm zu gratulieren“, säuselt McCain höflich. Dann hält er eine Siegerrede – obwohl er in Iowa gar nicht antrat.

21:26 Uhr:

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Jubel um Obama!

MSNBC erklärt den „schwarzen JFK“ zum Iowa-Sieger. Die zweite Sensation ist perfekt. Die Stunde der Outsider hat geschlagen. Chris Matthew wundert sich: Es ist das Jahr 2008 und ein Schwarzer hat erstmals Chancen auf das White House, während die erste Frau mal vorerst eine Abfuhr erhielt. Und: Obamas Triumph wäre das größte blaue Auge für Bushs „Go-it-Alone“-Politik einer renitenten Supermacht. „Obama ist ein Bürger dieser Erde“, so Matthews weiter: „Sohn Kenias, Sohn Amerikas, schafft er es ins White House, bricht wahrlich eine neue Ära an – mit den USA nicht als Herrscher sondern als Partner“.