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Gerade hatte ich den Umfragen vertraut und eine Ode an Barack Obamas Höhenflug verfasst, tickerten wieder diese knappen Zahlen unten am TV-Schirm: Die von den US-Medien in fast faszinierender Eintracht abgeschriebene Hillary führte plötzlich in der ersten Phase der Auszählungen in New Hampshire. 39,77% Hillary, 35,68 % Obama, 33,88 % der Lokale ausgezählt, „too close to call“, „Nailbiter“, what´s new? Hut ab Hillary jedenfalls: Sie hat es allen Polit-Talkingheads gezeigt, gekämpft, geweint, argumentiert, wahlgekämpft. Wieder ein Clinton-Comeback Kid, 16 Jahre nach Bill. Unglaublich! Dabei war Stunden zuvor auf MSNBC bereits das Ende gleich zweier Polit-Dynastien angekündigt worden – der Bushs UND der Clintons.

Trotz Clintons Aufbäumen in New Hampshire: Obamas Revolution bleibt faszinierend! Ich hatte ihn erstmals bei seiner triumphalen Rede am Kerry-Parteitag 2004 in Boston gesehen. Seine packend vorgetragene Vision eines neuen, hoffnungsfroheren Amerikas machte ihn praktisch über Nacht zum Polit-Superstar. Auch sein Buch habe ich gelesen, “The Audicity of Hope”, das brillant formulierte Politmanifest des Senkrechtstarters (stilgerecht las ich es in Obamas paradiesischen Geburtsort Oahu, Hawaii…). Kapiert hatte ich es jedoch nicht ganz, warum die Nation derartig Kopf steht. Bis ich es selbst erlebte, in einer Turnhalle in Carolville, im tief verschneiten Iowa. Mein persönlicher Obama-Moment: Er begrüßt in seiner ruhigen, sonoren Stimme die tosende Menge – und es lief mir prompt die Gänsehaut auf. Den Tausend im Raum ist klar, dass sie Zeugen von etwas großem, etwas historischem sind.

ONew
Sturm auf Obama

Ich bin froh, dabei sein zu dürfen: Als JFK ermordet wurde, war ich noch nicht einmal gezeugt. Als sein Bruder Robert 1968 vor seiner Ermordung jene Begeisterungswelle lostrat, die nun am öftesten mit Obamas triumphalen Siegeszug durch die Nation verglichen wird, war ich gerade aus den Windeln. Wie “Comeback Kid” Bill Clinton 1992 in New Hampshire den Stoff für den Bestseller Primary Colors lieferte, musste ich das als Backpacker in der “Singapore Straight Times” nachlesen. Kurz: Erstmals habe ich die Chance, eine der großen politischen Cinderella-Geschichten Amerikas erste Reihe fußfrei mitzuerleben. Trotz aller Abgebrühtheit und Zynismus, der sich in jeder Reporterlaufbahn ansammelt, ist “Obamamania” schlicht faszinierend. Die im Freien bei Eiseskälte geduldig wartenden Massen, wo Zwanzigjährige ihre Freundinnen auf der Schulter sitzen haben wie bei Rockkonzerten, dem Meer hochgehaltener Handy-Kameras, die fast an das Papst-Begräbnis erinnern, Fans, die mit offenem Mund und Tränen in den Augen Obamas Worten fast hypnotisiert folgen. Eine fiel sogar in Ohnmacht.

Genauso erstaunlich ist, wie schnell in der heutigen, Internet-beschleunigten Medienwelt alles gehen kann: Fast zehn Jahre an Vorbereitung für Hillarys Traum als erste Frau im Oval Office; 100 Millionen an Spendengeldern; das hochkarätigste Beraterteam der US-Politik; den hochpopulären, charismatischen Ex-Präsidenten Bill Clinton als „Geheimwaffe“; dutzende überzeugende Performances in den TV-Debatten; Kompetenz und Erfahrung – alles schien bis zu ihrem überraschenden Comeback weggespült durch vage Träume eines Jungsenators aus Illinois. Innerhalb weniger Tage.

Doch Hillary bäumte sich auf. Und das angesichts der heutigen, allumfassenden Macht der Bilder, verbreitet live via TV oder in Sekundenschnelle im Web. Nach ihrem ersten Vorwahl-Waterloo las Hillary pflichtbewusst ihre Dankesrede vom Blatt, dahinter Bill Clinton und Ex-Außenministerin Madeleine Albright mit versteinerter Mine. Das Bild: Alte Garde, Verlierer! Minuten später riss der schlacksige Obama seine langen Arme in die Höhe, liebevoll starrten ihn Gattin Michelle und die süßen Töchter Malia und Sasha, 9 und 6, an, vor ihm tobten seine Fans wie nach einem Elferschießen bei einer Fußball-WM. Das Bild: Aufbruch! Neue Ära! Sieger! Superstar! Seine brillante Siegerrede wurde millionenfach via Internet runtergeladen.

Jetzt hat auch sie mich erfasst die Tsunami an Obama-Euphorie – und ich beginne damit schon Freunden und Familie auf den Wecker zu fallen. Meine Frau Estee stößt mich oftmals an, wenn ich Müttern und Väter von Maxwells Freunden vor dem Kindergarten die Ohren vollschwafle mit Obama-Lobpreisungen. Immerhin: Der Gedanke, dass sich meine Kids Maxwell und Mia einmal zurückerinnern, wie sie in New York auswuchsen und Präsident Obama – ein Weltbürger mit Wurzeln in Afrika und Kansas, einer Lebenserfahrung geprägt in Honolulo, Jakarta und Chicago reagierte – ist faszinierend. Oder es wird am Ende doch Hillary, auch kein Beinbruch.