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Blamiert ist eine Untertreibung für Politbeobachter („Pundits“) und Meinungsforscher („Pollster“) nach Hillarys Sensations-Comeback in New Hampshire. Während sich am Dienstag die Massen zu den Wahllokalen wälzten und vor allem Frauen die Urnen mit Hillary-Stimmzettel vollstopften, füllten „Talking Heads“ auf den Newskanälen die Sendezeit mit Superlativen über Hillarys nahendes Ende. Interessant schien fast nur mehr die Frage: Wann wirft sie das Handtuch? Ich darf mich nicht ausnehmen: Ich selbst verfasste eine Jubelgeschichte über die Euphoriewelle „Obamamania„, die über politics as usual hinwegzuschwappen schien.

Niemand sah es kommen, selbst Camp Hillary nicht: Die übten sich pflichtbewusst in Frontbegradigungs-Rhetorik, wie wenig ein neuerliches Hillary-Waterloo in Wirklichkeit bedeuten würde. Dabei scheint die Erklärung, zumindest jetzt als Monday morning quarterback, wie hier nachträgliche Schlaumeier heißen, recht simpel – die Frauen New Hampshires protestierten: Not so fast! Hillary ist trotz aller Kritikpunkte immer noch eine Frau, und ihre historische Kandidatur sollte nicht durch ein paar mitreißende Reden eines Jungsenator verweht werden. Als Obama und Edwards dann im Tandem in der TV-Debatte über sie herfielen, Obama sie kühl als „ausreichend sympathisch“ anraunzte und ein irrer Matcho „Bügle meine Hemden!“ bei einem ihrer Auftritte brüllte, gab es kein Halten mehr in Sachen femininer Solidarität. Und dass die als kühl und kalkulierende „Eisprinzessin“ Hillary plötzlich menschelte und feuchte Augen kriegte, schadete ihr auch nicht.

Media
Mediencenter bei Obama-Auftritt: Mobiler Hotspot

Doch plötzlich tauchen neue (alte) Sündenböcke bei dem Vorhersage-Debakel auf: Die Medien! Das Land ist geeint, schrieb WaPo-Medienkritiker Howard Kurtz: „Alle hassen uns!“ Journalisten hätten sich in Obama regelrecht verliebt, erläuterte Time-Kolumnist Mark Halperin die Ursprünge von Obamamania. Am Day After der Blamage zitierte die New York Times Joel Achenbach, einen WaPo-Reporter, der die Obama-Kampagne coverte: „Zählt mich zu jenen, die überzeugt waren, dass der Obama-Express Hillary plattwalzen würde„. Man hätte die Euphorie, den Jubel spüren müssen, um es zu verstehen. Doch der Zitierte wehrte sich per Blog prompt gegen die Times-Berichterstattung, wonach er ein blinder Insider, ein „Boy on the Bus“ sei. Ich habe 2,5 Tanks pro Tag mit meinem Wagen verblasen und alle Kandidaten gecovert, schrieb er: „Dennoch, wir hätten es kommen sehen müssen“. US-Wahlkampf-Reporter im Selbstzerfleischungs-Modus.

Dabei habe ich es selbst gesehen: Der Großteil des press corps, das für die Berichterstattung bestimmter Kandidaten abgestellt ist, streift selten an dem an, was wirklich außerhalb ihres bubbles passiert. Wie Monty Phytons Flying Circus fallen sie bei den Wahlkampforten ein, während die Kandidaten ihre Standardrede runterspulen, vertreiben sich die Reporter die Zeit im Cyberspace: Websites der Konkurrenz werden gecheckt, Emails verschickt, Stories komplettiert. Ein von der jeweiligen Kampagne mitgeschleppter, mobiler Internet-Hotspot sorgt für Highspeed-Connections im entlegensten Kaff. Kampagnen-Mitarbeiter oder mitunter die Kandidaten höchstpersönlich füttern sie mit dem, was die gerade am liebsten rüberbringen wollen. Bürger befragen? Die Stimmung beim Publikum einfangen? Whatever. Vielleicht wäre am Ende ja dem einen oder anderen Reporter in New Hampshire eine Bürgerin vors Mikro gelaufen, die klipp und klar sagte: „Hillary wird unfair behandelt! Ich wähle für sie, jetzt erst recht!“

Dabei ist es nur zu menschlich, warum die Clintons in den US-Medien nach wie vor „schlecht wegkommen“, wie sich Bill höchstpersönlich beschwerte: Team Hillary besteht aus echten Control Freaks! In Iowa durfte Tochter Chelsea etwa kein Wort zu Reportern sagen (sie wimmelte sogar eine 12-Jährige ab, die für ihre Schülerzeitung ein paar Zitate haben wollte). Hillary stellte sich ebenfalls selten den Medien. Ihr Stab fürchtete schädigende Tatsachenverdrehungen. Bis sie sich in New Hampshire, dem Abgrund nahe, plötzlich öffnete. Jetzt ist der Redeschwall von Hillary 2.0 kaum mehr zu stoppen: Nach einem Inferno an TV-Interviews stellt sie sich dem härtesten Polit-Reporter, Tim Russert, in dessen Sonntagssendung „Meet the Press“ gleich die ganze Stunde seinen inquisitorischen Fragen.