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Nur ein Schriftzug auf meiner Google-Homepage deutet auf kommendes meteorologisches Ungemach hin: „Heavy Snow Warning“, steht in grellem Magenta. Kaum zu glauben, wenn ich nach draußen blicke: Strahlender Sonnenschein, tiefblauer Winterhimmel, windstill, der Hudson so spiegelglatt wie die Alte Donau. 7 º C. Auch ein Blick aufs Internet-Wetterradar generiert ebenfalls keinerlei besondere Alarmiertheit: Schneefall über den Großen Seen, ein paar heraufziehende Regenschauer in Pennsylvania und West Virginia. Doch genau das ist das trügerische bei einem Wetterphänomen, das die US-Ostküste mit seinen Metropolen von Washington D.C. bis Boston ein jedes Mal aufs Neue erschaudern lässt: „Nor´easters„, heißen die meteorologischen Monster, mächtige Küstenstürme, die tödliche Blizzards auslösen und den Großraum New York mit seinen 22 Millionen Einwohnern mit Schneemengen wie in hochalpinenen Skizentren á la Arlberg begraben können. Sie formieren sich so blitzschnell, dass ich vielleicht acht Stunden nach dieser Beschreibung der „Ruhe-Vor-dem-Sturm“-Idylle in ein waagrecht vorbeiwehendes Schneeflockeninferno starren könnte.

RuheSturm
Ruhe vor dem Sturm

Oder auch nicht, denn Nor´easters bereiten Wetterfröschen die größten Kopfzerbrechen bei der Vorhersage: Das liegt an der Komplexheit des Wetterphänomens und der einzigartigen Geographie des Großraumes New York. In Nor´easters bildet sich vor der Küste ein sich rasant intensivierender Tiefdruckwirbel, der mit oft fast hurrikanstarken Winden feuchte Meeresluft gegen aus Nordwesten eingesickerte Kaltluft schleudert. Doch ein paar Kilometer Verschiebung in der Bahn des Tiefs entschieden über Schneechaos, Eisregen, Graupel oder harmlose Regengüsse. Rast das Tief zu knapp an der Stadt vorbei, verdrängt die warme Meeresluft die Kälte – und es regnet. Meteorologen haben dann wenig zu lachen: Hatten sie doch noch Stunden zuvor einen halben Meter Schnee prognostiziert – und tausende, mit Salz befüllte Räumfahrzeuge in den Garagen umsonst gewartet.

Vorhergesagt werden Nor´easters zudem mit martialischer Rhetorik, als ginge es um die letzten Großoffensive gegen Al Kaida südlich von Bagdad: Eine „meteorologische Bombe“ entstehe, kommen da schrille Warnungen von speziellen „Sturm-Experten“ am weather desk, explosionshaft würde sich das Tief intensivieren. Ich habe ja noch gekichert, als ich dieses alarmierende Getöse nach meiner Ankunft 1999 erstmals im TV hörte. Doch wenn der Nor´easter losbricht, wird die Aufgeregtheit verständlich: Der Schnee fällt in einer Intensität, wie ich sie im schlimmsten Alpenschneesturm noch nicht gesehen hatte. Ein gefrorener Wolkenbruch. Innerhalb von Stunden kommt Manhattan zum kompletten Stillstand. Es ist plötzlich totenstill, schaurig-schön eigentlich. Sofort tauchen die Langläufer am Broadway auf: Irgendwie scheint hier ein geheimer Wettbewerb abzulaufen, wer es aufs Cover der nächsttätigen New York Post schafft.

blizzard
Monstersturm 2006: „The Day After Tomorrow?“

Und nie vergessen werde ich den Blizzard 2006, als die Rekordmenge von 70 Zentimeter Pulverschnee Manhattan das Flair eines Skiressorts in den Rockies verlieh. Da riefen Meteorologen im TV plötzlich aufgeregt: „Hier bildet sich ein Auge, wie bei einem Hurrikan!“ Great, dachte ich mir: Ronald Emmerichs Klima-Horrorfilm „The Day After Tomorrow“ ist wahr geworden! Faszinierend ist auch, wie die Lokal-Fernsehstationen Schneestürme covern. So intensiv, als ginge es um eine Katastrophe ähnlich denen in Hollywood-Streifen, wo New York in allen erdenklichen Szenarien von Asteroidenbeschuss, Riesen-Alien-Untertassen oder Monsterflutwellen seinen grauenhaften Untergang findet. Die Stationen rühmen ihre group coverage, wenn ihre bemitleidenswerten Reporter mit Goretex ummatelt und wollmützenbedeckt im Schneechaos stehen müssen, mit Linealen Schneetiefen messen, in Autos feststeckende Idioten oder die erwähnten Langläufer interviewen (das große Los haben jene gezogen, die aus der trockenen Lagerhalle mit den Streusalzbergen berichten dürfen…). Wenn die Sonne rauskommt, covern TV-Helikopter dann Bürger beim Freischaufeln ihrer Garageneinfahrten in den Suburbs. „Live“ versteht sich.

Und wie ist der letzte „Horrorsturm“ ausgegangen? Prompt mit einer Riesenblamage für die Wetterfrösche: Prognostiziert waren bis zu 30 cm Neuschnee – gekommen ist ein mittelprächtiger Landregen. „Die kalte Luft sickerte zu spät ein“, stammelten die depürten Experten zerknirscht, so wie hier auf NBCs „Today Show“:

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