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Klar, George W. Bush wird selbst nie daran zweifeln, dass er Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ist. Frühmorgens wandert er über die roten Teppiche vom Ost- in den Westflügel des White House. Punkt sieben erhält er im Oval Office sein Morgen-Briefing, samt der berühmten „Bedrohungs-Matrix„. Wenn er reist, dann meist per Helikopter “Marine One” oder dem Jumbo “Air Force One”. Wo immer er aussteigt, ein Spalier aus Würdenträgern, Blasmusik, Tamtam. Doch sonst? Am Sonntag ist es exakt noch ein Jahr bis zum Abgang des Texaners. Schon jetzt gibt er dem Politbegriff der “Lame Duck”, eines gelähmten, irrelevanten Präsidenten zum Ende der zweiten Amstzeit, neue Bedeutung.

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Zur nächsten Krise: Dick an seiner Seite…

Dabei wäre irrelevant ja noch ein Segen: Ungewollt zieht Bush weiter Schneisen der Verwüstung. Da wollte er Freitag die demoralisierten US-Aktienmärkte per Pressekonferenz mit der Präsentation eines Stimulus-Pakets kalmieren, als bei jedem seiner Worte der “Dow” tiefer stürzte. Als Bush vom Podium abtrat, lag der Aktienindex 100 Punkte südlich (fast ein Klacks gegen den Crash von 1.500 Dow-Punkten, die Bush bei seinem wochenlangen Herumdilettieren im Sommer 2002 provozierte). Gerne hätten die Händler, denen die Hände vom photogenen Ringen der letzten Wochen schon weh tun, ein paar Details gehört. Doch “Bushie” beließ es bei der Präsentation von “allgemeinen Rahmenbedingungen”: “Kurzfristig” sollten die Maßnahmen sein, “schnell implementiert” werden und “die Wirtschaft ankurbeln”. Die Händler am NYSE-Handelsfloor wären “underwhelmed” gewesen, berichtete CNN trocken. Vielleicht lag es auch am grimmigen Gesicht von Dick Cheney, der Bush immer zur Seite steht, wenns ernst wird. Immerhin wird seit Sommer über die sich vertiefende Subprime-Krise gewarnt. Wer kann erwarten, dass da ein paar fertige Rettungspakete in der Schublade des Oval Office-Schreibtisches liegen? Wie flott Bushs Profi-Truppe aus loyalen Texanern und Ex-Pferdezüchter-Vereinschefs reagiert, weiß Amerika seit den winkenden Schwarzen auf den Häuserdächern im Katrina-gefluteten New Orleans.

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Bushed! Dow stürzt während Bush Hilfe verspricht…

Dabei ist Bush beim Legacy Building: Gerade kam er zurück von einer Nahost-Tour, wo er die Saudis vergeblich um billigeres Öl anbettelte und der wankenden Supermacht ihren vielleicht peinlichsten Moment aller Zeiten bescherte. Und – wie für US-Präsidenten im letzten Amtsjahr üblich – wollte er Frieden zwischen Israelis und Palästinensern stiften (die 33 toten Plästinenser in Gaza allein diese Woche sind auch nicht unbedingt ein Zeichen, dass Bushs Träume hier in Kürze verwirklicht werden…).

Bush hat mehrmals erwähnt, dass er von der Geschichtsschreibung lange nach seinem Abgang beurteilt werden will. Kein Problem, denn mit jeder Krise wird die Bilanz der totalen Verheerung kompletter: “Dead or Alive”-Osama verschickt seit kurzem derart viele Videobotschaften, dass er bald bei Tyra Banks auf der Couch sitzen dürfte; der Irakkrieg hinterließ Nahost unstabiler denn je und ein Zwei-Billionen-Dollar-Loch in der Staatskasse; in den USA gibt es wieder mehr Arme, mehr Unversicherte, eine marode Infrastruktur ähnlich einem Drittweltstaat mit explodierenden Gasleitungen und Highwaybrücken; mehr CO2-Ausstoß denn je für das sich aufheizende Weltklima und eine Reputation, dass Kanada seinen großen Nachbarn auf die Liste der Folterstaaten setzte. Aber wie gesagt: Wir wollen dem Urteil der Historiker nicht vorgreifen.