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Nicht, dass wir vor dieser Woche nicht gewarnt worden wären. Der Montag, der dritte im Jänner sei “Blue Monday”, hätten britische Forscher herausgefunden: Der deprimierendste Tag des Jahres. Ein trister Mix aus Beginn der Arbeitswoche, grauem Winterhimmel und “die Einsicht, alle Neujahrsvorsätze bereits gebrochen zu haben” (kein Witz!), sorgten für den Blues. Trader rund um den Erdball hatten unterdessen andere, und echte Sorgen: Die Panik über die US-Kreditkrise und drohende Rezession im wichtigsten Motor der Weltwirtschaft führten zu kaskadenartigen Börsen-Blutbädern von Sydney, Tokio, Hongkong bis schließlich Europa, wo es den deutschen DAX mit einem Minus von 7,2 Prozent am schwersten erwischte.

“Gut, dass Feiertag ist”, titelte der Drudge Report unter einem Foto, das einen Hongkong-Händler vor einer elektronischen Tafel voller roter Aktien-Minuswerte zeigte. Die USA gedachten an diesem Montag dem Geburtstag der Bürgerrechts-Legende Martin Luther King – besonders die in schwarzen Kirchen präsenten “Dems”-Stars Hillary Clinton und Barack Obama, deren ekliger Krieg um schwarze Wähler den armen King wohl im Grab rotieren lässt. Börsen-Guru Heiko Thieme ruft mich an, um seine Prognosen und Superlativen angesichts des vielleicht größten Börsenbebens der Menschheitsgeschichte upzudaten und zu verschärfen. Wir hatten am Freitag telefoniert, als der Dow gerade mit einem Minus von acht Prozent in den schlechtesten Start eines Börsenjahr in seiner 112-jährigen Geschichte gerutscht war. Doch das wirkte angesichts des “Black Monday” an den Weltbörsen geradezu cute – besonders nachdem Katie Holmes zur Promotion des kindischen Streifens Mad Money die Technologiebörse Nasdaq eröffnen durfte. Ko-Star Queen Latifah stellt fest: “The Fed should lower interest rates!”. Ha, Ha.

Genau das schien jedoch Montag abends unausweichlich: Ben Bernanke trommelte hektisch seine Notenbank-Gouverneure per Videokonferenz zusammen, um drastische Schritte zur Rettung der US-Aktienmärkte zu diskutieren. Die Dow-Futures deuteten auf ein Minus von 700 Punkten hin, schlimmer als nach 9/11. Finanzminister Henry Paulson Jr. rief US-Präsidenten George Bush im Oval Office an, der das ganze Wochenende wie von der Bildfläche verschwunden schien. Das ist die Hemdsärmeligkeit, die wir seit Katrina kennen. Dabei hatte gerade die Abfuhr seines am Freitag präsentierten Stimulus-Pakets als “too little, too late” die Märkte weiter demoralisiert. Apropos: Die CNN-TV-Debatte der Dems am gleichen Tag hätte einen kleinen Ausblick auf fröhlichere Post-Bush-Zeiten geben können. Doch Hillary und Obama bewarfen sich gegenseitig derart brutal mit Dreck, dass ich mich in die düstersten Zeiten von Karl Roves miesem Swiftboating zurückversetzt fühlte – und nun Abend des Blue Monday tatsächlich selbst leicht deprimiert bin.

Dienstag. “Am Weg zur Wall Street dachte ich bereits, das wird so ein Tag, an dem man sich in 20 Jahren noch erinnert”, zitiert die NYT einen Händler. Ein Security Guard außerhalb des NYSE scherzt, so die Zeitung: “Heute crasht der Markt – deshalb sind alle hier”. Doch der Fed schreitet ein: 0,75 % reißt er denn Leitzinssatz runter, die größte Senkung in der Geschichte der US-Notenbank. Dennoch: Der Dow stürzt! “Freier Fall”, titeln die Newskanäle unter der “Breaking News”-Signatur. New York und die Welt hält den Atem an: Kollabiert das weltweite Finanzsystem? Droht eine Weltwirtschaftskrise, die die Great Depression wie eine Boom-Zeit aussehen lässt? Börsenfanatiker Jim Cramer schreit am Finanzkanal CNBC einen Experten wieder mal nieder. Am Times Square sammeln sich Menschentrauben vor den Kursdisplays des Nasdaq und den Headlines, die wie in einem SciFi-Streifen auf elektronischen Tafeln an der Fassade des “Reuters Headquarter” ablaufen. 464 Punkte ist der Dow im Minus. Es ist 9:34 Uhr. Seit vier Minuten wird gehandelt. Die Welt steht am Rand des ökonomischen Abgrunds.

Doch Bernankes Rettungsanker beginnt zu greifen, der Dow stabilisiert sich – kämpft sich bis zum Börsenschluss auf einen Verlust von “nur” 128 Punkten zurück. Längst ist klar, wie tief die seit Sommer von Bush & Wall Street schöngeredete Finanz- und Immobilienmisere tatsächlich ist: Der Fed senkt die Zinsraten so stark wie noch nie – und die Aktienindezes schließen im Minus. Auch das ist eine neue Superlative.

Zeit zum “Fingerpointing”, den Schuldzuweisungen: “In 2001 nützte die Bush-Regierung eine drohende Rezession aus, um Steuersenkungen für wohlhabende Amerikaner durchzuboxen”, schrieb Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph E Stiglitz in der NYT: “Genau jene Gruppe, die ohnehin in den letzten 25 Jahren so stark profitiert hatte”. Der Wirtschaftsstimulus blieb gering: Wie viel können Reiche noch ausgeben? Der Fed, damals Legende Alan Greenspan, musste die Zinssätze weiter senken, um die Wirtschaft in Schwung zu halten. Stiglitz: “Und dann schauten sie alle weg, als Amerika auf Pump lebte mit geborgtem Geld und geborgter Zeit”. Natürlich hätte Greenspan die Chance gehabt, sich – vor allem im Bush-Wiederwahljahr 2004 – gegen die völlig fehlgeleiteten Steuersenkungen für Amerikas Top-Verdiener auszusprechen. Er hielt die Klappe – und dürfte, so wie viele andere Bush-Handlanger von George Tenet bis Condoleezza Rice, am Misthaufen der Geschichte landen. Denn jetzt ist “Judgement Day”.

Am Abend wird die Leiche von Hollywood-Star Heath Ledger in Lower Manhattan herausgerollt. Eine Tragödie. Doch, dass er für sein Soho-Apartment 23.000 Dollar im Monat bezahlte, sorgt fast für noch mehr Gesprächsstoff im Big Apple – und illustriert, wie durchgeknallt die ganze Immobilienblase eigentlich ist.

Mittwoch. Eine angesetzte Familien-Exkursion durch Maxwells Kindergarten bietet Abwechslung in dieser intensiven Newswoche. Stolz marschiert er mit einer, an eine Holztafel geklammerten Checkliste zu besichtigender Orte durch die Gänge des Schulgebäudes PS 89. Er zeigt uns Cafeteria, Turnsaal, Bücherei und Klassenzimmer. Die kindliche Unschuld hilft immer in Krisenzeiten, Prioritäten richtig einzustufen.

Inzwischen ist das Börsenbeben offenbar keineswegs ausgestanden: Trotz deutlicher Rebounds in Asien und Europa stürzt der Dow wieder auf minus 280 Punkte – um dann gleich zu einem historischen Comeback anzusetzen. Händler am NYSE reißen die Arme im Gebimmel der Schlussglocke in die Höhe, brüllen schweißgebadet Jubelrufe in die Halle, fast wie Russel Crowe in “Gladiator”. + 320 steht am Big Board, der Rollercoaster Ride umfasste eine Schwankungsbreite von 600 Punkten. Doch bis zu einem echte Happy End ist der Weg noch weit, wird vor vorschneller Euphorie gewarnt.