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Vielleicht wurde das wahre Gesicht der Clintons nicht richtig erkannt, da sie einst meist gegen Republikaner, Chauvinisten und machtgierige Lobbyisten von Corporate America ankämpften. Kurz Leute, die man leicht zum Kotzen findet. Doch nun werden die gleichen Taktiken angewendet – und es geht gegen jemanden, der Euphorie statt Brechreiz auslöst.


Ted Kennedy unterstützt Obama: „Es liegt etwas in der Luft…“

Es darf offenbar nicht sein, was nicht sein darf: Da hatten sich Hillary und Bill als mächtiges Polit-Powerpaar „Billary“ so lange, so perfekt und so taktisch klug auf Ära II vorbereitet. Und dann soll ein dahergelaufener Jungsenator als Illinois mit erst drei Jahren Erfahrung in der A-Liga der US-Politik alles zunichte machen? Eisig soll Mrs. Clinton Barack Obama im Senat angestarrt haben, als sein Antreten offensichtlich wurde. Doch zunächst lag er in den Umfragen weit abgeschlagen, die Welt schien in Ordnung: Hillary servierte den Emporkömmling in den TV-Debatten elegant ab, ließ ihn in ein paar Fallen tappen (etwa, als er meinte, er würde sich ohne Vorbedingungen mit Weltdiktatoren treffen…) und beschränkte sich darauf, souverän und „präsidial“ zu wirken. Obama? Vielleicht ein Running Mate, oder jemand, der mit erst 46 Jahren genug Zeit habe, mehr Erfahrung zu sammeln, damit er ready for primetime sei.

Doch Greenhorn Obama holte auf. Als er erstmals angriffig wurde, zog Hillary sofort die Frauenkarte: Sie werde attackiert, weil sie eine Frau ist! Dann konnte Hillary im Iowa-Wahlkampf die braven Schweinezüchter zwischen den Kornsilos nicht wirklich mitreißen und auch der Versuch scheiterte, die „Eisprinzessin“ mit Pastelltönen und humorigen Anekdoten angesichts ihres charismatischen Kontrahenten „aufzuwärmen“ und zu „vermenschlichen“. Zeit, den hehren Wettstreit an Ideen aufzugeben – und Bill als „Kettenhund“ loszulassen: Den „unerfahrenen Obama“ zu wählen, warnte der schrill, sei wie ein Roulettespiel mit „Amerikas Zukunft“. Panikmache hat, wie wir wissen, auch bei Bush stets geklappt.

Keine Frage: Wer hat den war room erfunden? Die Mantra der Clintons war stets: Das komplette Politisieren, Kategorisieren und Abtesten per polls praktisch aller Belange, das „permanente Wahlkämpfen“ selbst nach dem Einzug ins Oval Office und das präventive Zuschlagen gegen potentielle Gegner. Sie hatten meist Erfolg damit, doch neben allen Errungenschaften der Clinton-Ära blieb angesichts der ermüdenden Dauerskandale ein Gefühl der Clinton fatigue zurück.

Nach Obamas Iowa-Triumph schrillten bei Billary schließlich endgültig alle Alarmglocken: Mit einem Doppelschlag in New Hampshire hätte er Hillarys Traum vom Oval Office beenden können. Zeit, Obama, der als „rassenloser“ Kandidat die fast ausschließlich weißen Iowaner überzeugte, schwarz zu machen. Zuerst wurden die Errungenschaften der charismatischen Bürgerrechtslegende Martin Luther King (Obama) relativiert, da es ja eines Pragmatikers wie Lyndon B. Johnson (Hillary) bedurfte, um „Dr. Kings“ Traum zu realisieren. Schwarzen-Führer protestierten, und je mehr sich für Obama einsetzten, desto schwärzer wurde der — und desto mehr weiße Wähler wanderten zu Hilary ab. So ist das nach wie vor in Amerika. Leider.

Hillary gewann New Hampshire, völlig überraschend. Bill, als neuer Mastermind ihrer Kampagne, schien obenauf. Clever schien auch, dass die Clintons Obama in Runde 3, Nevada, auch noch zum Favoriten hochstilisierten: Als Hillary knapp gewann, wurde das als Zeichen der Stärke gewertet.

Doch in South Carolina schlug der nun völlig entfesselte Mr. Clinton, der alles staatstragende eines Ex-Präsidenten im Schlamm der Primaries-Schlacht zurückzulassen schien, erst so richtig los – doch letztendlich über die Stränge. Obama sei ein „talentierter junger Mann“, dozierte er. Für Afroamerikaner klare Codewörter: Trotz aller Talente würden sie nie ganz ernst genommen werden. Dann verglich Bill den Hoffnungsträger, der eine ganze Generation junger Amerikaner über eine neue Ära in der US-Politik euphorisierte, mit Schwarzenführer Jesse Jackson, der 1984 und 1988 in South Carolina, wo 50 % der Wähler Schwarze sind, siegte. Übersetzung: Schwarze wählen eben für Schwarze! Bills Taktik schien fies aber effektiv: Obama hatte nun über 3/4 der sich solidariserenden „Brothers“ auf seiner Seite, doch seinen rassen- und parteiübergreifendes Appeal verloren – und vor allem weiße Wähler, ohne die ein Gesamtsieg in weite Ferne rückte.

Doch der Judgement Day kam prompt: Hillary geriet mit 55 % zu 27 % regelrecht unter die Räder. Und Obama wurde durch die „Mutter aller Endorsements“ aufgenommen in die legendärste Polit-Dynastie der USA, den Kennedys, als JFK-Bruder Ted und JFK-Tochter Caroline ihn bei einem rockkonzertähnlichen, historischen Event priesen. Damit erhält Obama die Statur, mit denen er auch bei traditionellen „Dems“-Parteigängern punkten kann. Und indirekt haben Billarys Switfboating-Versuche illustriert, wie sehr sich das Land tatsächlich nach dem Ende mieser Taktiken einer politics as usual sehnt.