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18:05 Uhr: Warten bis zur Erschöpfung…
60 Leute drängen sich in der Residenz des L.A.-Konsuls Martin Weiss im schicken L.A.-Suburb Brentwood: Es sind Schauspieler, Produzenten, Geldgeber des Oscar-nominierten Streifens “Die Fälscher”. Die Stimmung ist ausgelassen. Die Sektflöten kreisen. Einige zeigen österreichischen Glas-Ist-IMMER-Halbleer-Skeptik: Ja, wir sind Favoriten! Aber es wäre zu schön um wahr zu sein! Allein durch die Nominierung sei bereits ein Traum wahrgeworden, sagt Stephanie Taussig (40), Gatten des “Fälscher”-Hauptdarstellers Karl Markovics. Gerne wäre sie jetzt im “Kodak Theatre” an der Seite ihres Mannes. Aber es ist, wie es ist: 4 Karten erhielt Austria. Wir sind keine Weltmacht. Zumindest noch nicht! Fast hätte es Taussig und die beiden Kids, Louis (17) und Leonie (15) nicht einmal in die Botschaft geschafft: 36 Stunden dauerte die pannenreiche Anreise. Eine Flugodyssee. Karls Koffer kreisten dabei immer noch im Lost-Luggage-Nirvana. “Sein Oscar-Smoking wird es nicht schaffen”, sagt sie mit Galgenhumor.

Marko
Markovics-Familie beim „Moment“…

19 Uhr: “Gehe vor Aufregung im Kreis…”
Auf mehreren Flatpanel-TVs läuft das Oscar-Programm ab. Längst ein Nebenthema. Lenn Kudrjawizki, ein im Film erschossener Fälscher, ist die steigende Nervosität bereits anzusehen: “Ich gehe vor Aufregung schon fast im Kreis”. Einige Korrespondenten versuchen, den Reigen der Oscar-Vergaben mitzuprotokollieren. Sie wollen auch diese „Fußnote“ an Nicht-Fälscher-Filme covern. Kein leichtes Unterfangen angesichts der sie umgebenden, geballten Ladung an Patriotismus.

7:45 Uhr: Der Moment!
Es laufen die Ausschnitte der nominierten Streifen. That´s it! Lautes Gebrüll und Geklatsche, als die berührenden Bilder des Fälschers über den Schirm laufen. Doch dann, plötzlich: Totenstille! Penelopé Cruz öffnet den Umschlag: “And the Oscars goes to …. AUSTRIA!” Woauuuuuuu! Es gibt kein Halten mehr! Besonders auch nachdem einige ihre Aufregung bereits mit reichlichen Sektmengen weggespült hatten. Taussig reißt die Arme in die Höhe, umarmt ihre Kids: “Das ist einfach unglaublich”, schüttelt sie gerührt den Kopf.

7:50: Wir sind Oscar!
Malibu-Musik-Produzent Peter Wolf kann es ebenfalls kaum fassen: “Ein einzigartiger Moment!“ Konsul Weiss strahlt: “Größer als Arnie!” Österreichs erster Oscar, schüttelt er fassungslos den Kopf: “Es ist eine komplette Sensation!” Weiss ist dabei kein unvorbereiteter Gastgeber: Die caterer servieren Oscar-Kekse. Für Robert von Dessanowsky, Autor des ersten englischsprachigen Buches über den österreichischen Film, kommt alles gar nicht so überraschend: “Junge US-Filmemacher bewundern seit langem das neue österreichischen Kino, dessen Stil und Ehrlichkeit”.

9:05 Uhr: A Heros Welcome, Part One!
Jubelrufe hallen durch die Villa: Der Hauptdarsteller des Oscar-Holocaust-Dramas, Karl Markovics, steht strahlend in der Türe. Eine Phalanx von TV-Kameras formiert sich. Leichtes Gerempel. Er ballt die Faust, reckt sie in die Höhe. Er umarmt seine Frau, seine Kinder, Kollegen, Produzenten, Feiernde, alle sonst Umarmbaren. Er hatte keine Lust am Oscar-Partie-Pomp. “Ich stellte mich an nach dem Schluss für die Limo an”, sagt er. 40 Minuten hätte das gedauert. Aber das ist heute kein Abend für Ärger. Dann sagt er wehmütig: “Ich wäre gerne in diesem historischen Moment im Gartenbau-Kino gewesen – mit meinen Landsleuten zusammen”.

Markovics
Oscar-Film-Schauspieler Markovics: „40 Minuten Warten auf die Limo…“

22:30 Uhr: A Heros Welcome, Part Deux!
Wieder Getöse. Diesmal kommt Oscar. Und am anderen Ende des ihn festhaltenden Armes – Stefan Ruzowitzky. The man! Er hat eine Horde zusätzlicher Reporter im Schlepptau. Im Vorraum wird es eng. Er ist eingekesselt. Blitzlichtgewitter. Wie der Teamkapitän nach einem Fussball-WM-Finale hält er das glänzende Ding triumphal in die Höhe. Er hat am legendären “Governor´s Ball” Gratulationen entgegengenommen. So ist das, wenn man eine der begehrtesten Statuen der Filmwelt herumschleppt. Wolfgang Puck stoppte das Aufkochen. Howard Stringer, Mr. Sony, klopfte auf die Schulter, nachdem Ruzowitzky dem Unterhaltungsgiganten seine einzige Trophäe des Abends beschwerte. Eine SMS trifft ein, Tochter Emma (10): “Voll cool”. Ja, ziemlich. Das Handy bimmelt nonstop. Oscar in der rechten, Handy in der Linken, steigt er von Fuß zu Fuß. Er wankt bereits beträchtlich. Wenn das kein Abend zum Wanken ist, wann dann? Wir Reporter stellen uns an für die Fotos: Stimmt schon! So nahe werde ich einem Oscar wohl nie mehr sein.

RuzoBauer
So nahe am Oscar wie noch nie…

1:35 Uhr: Ruzowitzky Out!
Der Oscar wird zu schwer. Der Triumphtor marschiert durch die frische Nachtluft unter dem Sternenhimmel zur Strechlimo. Und ich bemerke erst bei der Heimfahrt: Ich habe vergessen, den Oscar zu berühren!