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Dass der Fall Josef Fritzl längst zur Crime Story das Jahres geworden ist, habe ich bereits mehrmals beschrieben. Dann bimmelte mein Handy: „Hi, this is Andrew from the Dan Abrams-Show“. Das Segment mit dem redegewandten TV-Lawyer namens „The Verdict“ lauft in Prime Time um 21 Uhr am Kabelkanal MSNBC. Sie suchten nach Experten für den Fritz-Fall, fährt er fort. Ob ich heute Abend ins Studio kommen wolle. Ich wende ein, dass ich als US-Korri natürlich nicht von den vordersten Frontlinien des Verlies-Horrors rapportiere. Nevermind, sagt Andrew. Wir schicken ihnen einen Limo!

Sohnemann Maxwells Begeisterung hält sich in Grenzen: Daddy wird im Fernsehen sein, erzählen wir ihm euphorisch. Mag sein, winkt er ab. Er wolle aber dennoch lieber „Dinosaur King“ auf seinem Computer schauen. Mit dem Wagen düse ich dann um 20:30 Uhr zum NBC-Headquarter Nr. 49, 49. Straße. Bekannt als 49/49 ist es zugleich der Tatort der populären „Today Show“ (dort wo Touristenhorden täglich frenetisch ins Studio winken…). Gebe ich dem Fahrer Trinkgeld? Gute Frage, ich habe ja recht selten Chauffeure: Ich reiche ihm $5. Er ist der erste Mensch in meinen fast zehn Jahren in New York der sagt: „Das wäre wirklich nicht nötig gewesen“.

Ich werde ins Studio eskortiert. Die Show hat bereits begonnen. Im Make-Up-Room sehe ich plötzlich Obama im kleinen TV-Set. Ist der hier? Ist das der luckiest day meiner Karriere? Mit ein wenig Smalltalk zwischen Studiogästen mit dem Oval-Office-Favoriten am Gang? Vielleicht auch noch ein Foto, das mir trotz hartem Einsatz im Dezember in Iowa verwehrt blieb? „Nein“, winkt die Makeup-Artistin ab: „Das ist eine Aufzeichnung“. Sie ist eine Einwandererin aus der Türkei, Riesenobama-Fan und wäre auch ausgeflippt, wenn er ins Studio gekommen wäre. Nächste Station: Der „Green Room“, ein Warteraum für Studiogäste so einladend wie ein „Comfort Inn“-Hotelzimmer. Der zweite Studiogast erscheint, der Psychologe Jeff Gardier. „Waren wir nicht in einer Show zusammen kürzlich“, fragt er. „Nein, das ist meine Studiopremiere“, antworte ich. Deshalb marschiere ich hier auch so nervös auf und ab…

Es geht los, ich werde verkabelt, nehme auf dem News Desk platz, wenige Meter vom Moderatoren-Tisch entfernt. Es soll wohl so aussehen, als würde ich zugeschaltet werden. Tatsächlich von außerhalb des Studios berichtet auch noch Ex-FBI-Profiler Clint Van Zandt. Das Segment rollt ab, ein ITV-Reporter fasst die absurden Highlights des Geständnisses des „Dungeon Sex Dads“, wie in Abrams nennt, zusammen: Wie er Tochter Elizabeth vor dem Absturz in den Sumpf aus Party, Suff und Tschick retten wollte, da ihm die Nazis Anstand einimpften. Wie er süchtig nach dem Sex mit ihr wurde – aber auch Blumen brachte und Weihnachten im Verlies feierte. Profiler und Psychologe legen los und ich werde gefragt, ob es Indizien gibt, dass er sich auch an den Kindern seiner Tochter vergangen haben könnte. Thanks, guys! „Es gab Gerüchte, aber nichts konkretes“, rette ich mich drüber. Die zweite Frage ist gleich noch kniffliger: Was muss man im österreichischen Recht beweisen, um auf Unzurechnungsfähigkeit zu plädieren? Keine Ahnung, fragen sie einen Anwalt, wäre keine nette Replik. Also rudere ich mich mit schwammigen Aussagen auch durch diesen Strudel. „Thank you, Herbert“, sagt Dan. „Thank´s for coming“, sagt die Produzentin in meinem Ohrenstöpsel.