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Es hat schon fast was tragikomisches, skurriles, masochistisches an sich: Hillary, „Mountain Mama„, die sich nimmermüde und händeschüttelnd den Weg durch die Trailerparks der ländlichen Berglandschaft West Virginias bahnt. Eine Idylle der Einfalt so weit weg vom pulsierenden Leben der US-Metropolen wie kaumwo in der US-Provinz. „Country road, take me home…“. In den Redaktionen kratzen sich selbst die hartgesottensten Veteranen der Politberichterstattung die Stirne. Und selbst in den stets todernst geschriebenen AP-Reports trieft mitunter unverholene Häme über ihren skurril aussichtslosen Kampf gegen Barack Obama zwischen den Zeilen hervor. Leichter haben es die Spassvögel der Latenight-Shows: Da Hillary mit mindestens 20 Millionen in der Kreide steht, „trägt sie zertifizierte, übertragene Hosenanzüge“, haute David Letterman drauf los. „Ich werde Präsidentin“, hätte Hillary unlängst gesagt, assistierte Jay Leno. „Worauf der Bartender erwiderte: Mam, es ist drei in der Früh, sie haben genug gekippt…“

Niemand hatte je gedacht, dass das Ende der Clinton-Ära so hysterisch heiter werden wird. Immerhin hatten The Clintons die Welt 16 Jahre in Atem gehalten: Der märchenhafte Aufstieg des jungen Außenseiterpaares in den Neunzigern bis ins White House gefolgt von einer turbulenten Regierungsbilanz. Alles von der Schaffung der Freihandelszonen, dem New Economy-Wunder bis zum berühmten Fleck am marineblauen Gap-Dress. Dann Hillarys steile Senats-Karriere bis zur Oval-Office-Favoritin zu Beginn der „Dems“-Primaries. Der coole, mit Bono in Davos herumhängende Weltenretter Bill an ihrer Seite. Und jetzt das: Hillary immer einsamer, immer entrückter, offenbar von loyalen Lakaien noch schlimmer abgeschirmt von jeglicher Realität als Bush während Katrina. Umgeben von den letzten Aufrechten ihrer zukunftsträchtigen Wählerscharen: Greise, Hillbillies, Rassisten.

Ihr Aufbäumen in Pennsylvania und Indiana als krügelstemmende Hacklerqueen war ja noch recht cute, vor allem wegen ihrem unbändigen Durchhaltevermögen und Siegeswillen fast sympathisch. Auch wenn sie ihre verzweifelte Strategie in immer tiefere politische Niederungen führte: Sie versprach den mit SUVs und Pickups herumpreschenden Hohlköpfen billigen Sprit, wetterte gegen jenen Freihandel, den sie an Bills Seite euphorisch mitorchestrierte.

Hillary for President wurde zum politischen Frontalunfall: Zuerst nahm sie ihr Gegner nicht ernst und organisierte ihren Wahlkampf als feierliche Krönungszeremonie. Dann bemerkte sie nicht, obwohl sie Bills Buddy Mark Penn $4 Mio für seine jämmerliche Umfragen bezahlte, dass sich das nach sieben Bush-Jahren demoralisierte Land nach Obamas Wandel und nicht ihrer Erfahrung sehnte. Und weiters war wohl Hillaryland so verblüfft, als die rassistischen Untergriffe von Kettenhund Bill Obama nicht aus der Bahn warfen konnten, dass eine Strategie für Staaten nach dem Anfang Februar gleich komplett fehlte. Stattdessen tormentierten Hillary & Co den Hausverstand der Amerikaner mit immer neuen, viel wichtigeren Kategorien für den Sieg, genau jenen, in denen Hillary vorne lag. Und auch die Spielregeln im ohnehin byzantinischen Vorwahlprozedere sollten täglich neue, Hillaryfreundliche sein. Wäre es ein Fussballspiel hätten nur Hillarys Tore wirklich gezählt – und die Spielzeit wäre so lange ausgefallen, bis sie triumphierte. Politstudenten werden das Debakel jahrezehntelang studieren.

Und jetzt kommt das furiose Finale der Tragödie: Sie kann nicht aufhören — obwohl die Wahl nun wirklich jetzt ganz sicher und endgültig verloren ist. Täglich tischen Beobachter neue Theorien auf, warum sie so stur weitermache und sich selbst erniedrige. Niemand will ja annehmen, dass sie komplett den Verstand verloren hätte. Sie wolle sich als Vize anbiedern, lautet eine dieser Varianten. Doch auch diese Chancen sind bereits gering, auch wenn sich 55 % der Demokraten laut Exit Polls nach einem „Dreamteam“ sehnen. Michelle soll bereits ihr Veto eingelegt haben. Eine höhere Instanz gibt es nicht. Oder will sie Obama erpressen, dass er einen Teil ihrer Schulden übernimmt? Oder ihn gar derart demolieren, dass er gegen McCain verliert und sie es 2012 nochmals versuche könne? Oder ist der Adrenalinspiegel durch den Marathon-Wahlkampf noch so hoch, dass sie weiterstürmt ohne den Abpfiff gehört zu haben.

Das Wehklagen ist unter den Dems groß, dass Hillarys immer einsameres, unnachvollziehbareres und entrückteres Weitermachen Obamas Siegeschancen belasten könnte. Doch Hillarys Potential wird auch in dieser allerletzten Kategorie stündlich geringer. Und daran dürfte auch ihre schrille Medienoffensive nach dem bedeutungslosen Sieg in den letzten Reservaten ihrer Kernwählerschicht in den Tälern West Virginias nichts ändern. Keine Mine wird sie verziehen, wenn sie vom „Comeback“ und einem „Gezeitenwechsel“ schwärmt.