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Das hat wieder mal niemand kommen sehen: Das Öl geht aus! Oder besser, „der wachsende Konsum lässt sich nicht mehr decken“, wie selbst der stets so weitsichtige Investment-Guru Jim Cramer plötzlich etwas depürt erklärt. War nicht erst vor kurzem die geballte Weisheit von Wall-Street-Analysten, Öl-Multis, Geologen und Beratergremien der wichtigsten Politführer, dass der energiehungrigen Menschheit ein solches Szenario erst in 50 bis 100 Jahren drohe? Vielleicht wäre diese Prognose auch korrekt gewesen, wenn sich die Milliarden in den Drittweltländern nicht plötzlich erdreisten würden, auch mit Autos herumzukurven, in Flieger zu steigen und iPods zu kaufen. Wer konnte das auch kommen sehen?

Jetzt rufen sich die Händler am New Yorker Mercantile Exchange, untergebracht in dem unscheinbaren Hochhaus am idyllischen Hudson-Fluss-Hafen, wo Max immer am Weg zum Spielplart vorbeiradelt, Öl-Preise von $133 pro Barrel zu. Und das hochmotorisierte Amerika verharrt im Schock. Kein Wunder: Keine Nation ist so schlecht positioniert für die neue Öl-Krise. Die Individualität als Fundament des amerikanischen Staatsgebilde lässt mehr als zwei Drittel ihrer Bürger in Eigenheimen in den sich immer weiter ins Umland fressenden Suburbs wohnen – wo dann tatsächlich jede Besorgung nur mehr per Auto abgewickelt werden kann. Man rollt achtspurig zum Shopping, zur Arbeit, zum Essen, zum Friseur, mit den Kids zum Soccer. Und nachdem der Sprit lange, vor allem im Vergleich zu Europa, so spottbillig war, traten die wuchtigen SUV-Benzinfresser ihren Siegeszug im Fuhrpark der US-Motoristen an. Appelle, die Karossen zugunsten des Klimaschutzes aufzugeben, verpufften. You must be kidding! Wie sonst außer im Pickup seien die Sixpacks zum Trailerhome zu schaffen? Doch niemals vergessen werde ich die nette, interviewte Soccer-Mum, die sich nach dem Terrorhorror von 9/11 mit mehr Blech um sie herum „einfach sicherer fühlte“.

Jetzt stehen sie mit ihren rollenden Ungetümern an den Zapfsäulen, und lassen Reportern, Pächtern und Hillary Clinton ihren Frust wissen. $100 für den Tank? Ja, autsch! Im Schnitt kostet die Gallone nun $3,81 ($1/Liter). Experten orten bereits $12/Gallone ($3,16/Liter) in den nächsten Jahren. Doch genau das dürfte nun doch letztendlich zum Umdenken führen: Die Amis stürmen die Öffis, wie die New York Times berichtete, selbst in Auto-Städten wie Dallas, Denver, Minneapolis oder Salt Lake City. Prompt ist das öffentliche Verkehrsnetz überlastet, da Investitionen bisher meist neuen Highways galten. Ein paar Stationen lärmendes Geruckel mit der weltberühmten NY Subway macht das vibrierend deutlich. Und die Auto-Händler bleiben auf ihren Gas Guzzlers sitzen. Die weitsichtigen Manager Detroits, denen hohe Gewinnmargen bei den Blechkübeln wichtiger waren als die Entwicklung sparsamer Vehikel der Zukunft, ebenso.

Auch einige der Ideen des selbstdeklarierten Klimaretters Arnold Schwarzenegger wirken inzwischen fast obszön: Der hatte einst argumentiert, man brauche Bürgern ihre wuchtigen Karossen nicht wegnehmen (wobei er wohl auch an sein Privatarsenal kantiger Hummers dachte…). Sie müssten nur umgerüstet werden. Auf Biosprit zum Beispiel. Doch genau diese umstrittene Treibstoff-Innovation führte jetzt durch die globale Explosion der Grundnahrungsmittelpreise zu Hungerrevolten in den ärmsten Ländern. Muss dann schon ein tolles Gefühl sein, mit dem Biodiesel-Hummer am Freeway zu cruisen.