Heat! Protokoll von New Yorks frühster Hitzewelle


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Samstag, 7. Juni:
Viele hatten je schon gemeckert, mich inklusive, dass der Frühling recht kühl war und der Sommer zu lange auf sich warten ließ. Be careful what you wish for. Irgendwann in den frühen Morgenstunden wurde der große Sommer-Schalter umgelegt. Kawumm! Luftfeuchtigkeit und Temperatur schießen plötzlich exponentiell in die Höhe. Max ist von der Familie eines Kindergarten-Freundes zu einem Trip zum Rummelplatz nach Coney Island eingeladen. Als ich mit ihm am Razor zum nahen Abholstelle rolle (ich bin längst eine urbane Version des Soccer-Dads, der Max – wenigstens klimafreundlich – zu Playdates chauffiert…) weht die schwüle Meeresluft bereits durch Lower Manhattan. Miami-Wetter. Wir laden unsere Freunde als Kompensation für des Unterhalten zweier ausgeflippter Sechsjähriger – noch dazu im nervenden, unübersichtlichen Chaos eines „Vergnüngungsparks“ bei Mörderhitze – zum Dinner am Hudson-Hafen ein. Prompt gibt es erste Indizien, dass bereits Tag Eins der Hitzewelle dem Nervenkostüm einiger New Yorkern zusetzt: „He is bothering me! He is bothering me!“, brüllt plötzlich ein Vollidiot am Nebentisch. Der in Sachen Abkühlung fündig gewordene, im Wasserbecken vor der ersten Sitzreihe vorbeiwatende Maxwell muss wohl ein paar Wassertropfen abgeladen haben. „Watch your kid“, schreit der Idiot weiter. Estee zieht hält mich am Ärmel zurück. „F- you“, murmle ich. The heat is on.


Mia und Estee am „Robert Moses“-Strand: Flucht aus der City

Sonntag, 8. Juni:
Beach. 35 Grad sind angesagt. Flucht aus der Stadt. Ich hole den Mietwagen ab. „Sorry, ich habe nur mehr ein SUV…“. Das kann auch nur mir SUV-Hasser passieren! Nach kurzem Gemeckere über die mangelnde Benzin-Effizienz in Zeiten horrender Spritpreise schenkt sie mir einen halben Tank. Die nette Hertz-Dame muss wohl selbst den heutigen Preis-Level grob unterschätzt haben: Ihr „Geschenk“ ist immerhin $40 wert. Überraschung: Wir sind nicht die einzigen! Die Hitze in der Stadt sticht heute den drohenden Bankrott an der Zapfsäule aus. Eine Stunde stauen wir uns alleine die letzten vier Meilen – über zwei lange Brücken auf die Long Island vorgelagerte Barriere-Insel „Fire Island“ und in den Großparkplatz. Doch es hat sich ausgezahlt. Die Luft ist durch den kühlen Atlantik wohltemperiert, das Wasser am Strand des „Robert Moses State Park“ so klar, dass es mit türkisblauer Farbe fast an die Karibik erinnert. Baby Mia hat jedenfalls eine perfekte Strandpremiere: Unter dem, eigens Tage zuvor bei KMart erstandenen Sonnenschirm räkelte sie sich in der Brise, bestaunt die Wellen und keppelt Nachbarn ein. Zuhause, gut angeröstet angekommen, fällt prompt im Schlafzimmer die Klimaanlage aus. Estee und Mia übersiedeln ins Maxwells Zimmer – während die Boys der Hitze trotzen. Ich mache das Fenster auf. Keine gute Idee: Draußen hat es um 22 Uhr noch 32 º C. Und als ein Blitz eines Hitzegewitters im Nachbarhaus einschlägt, hebt es Max vor Schreck fast einen halben Meter aus dem Bett.

Montag, 9. Juni:
99 º F, fast 38 º C. Neuer Rekord, zumindest für dieses Datum. Ein perfekter Tag für nicht-pendelnde Heimwerker. Nur Max muss nach der Schule in den unklimatisierten „Hightech“-Schulbussen aus den 60igern bei brütender Hitze endlos warten. Dabei hat er Glück, dass die Hitzewelle nicht früher zuschlug. Die New Yorker Schulbehörde erlaubt den Einsatz der Klimaanlagen erst nach dem 27. Mai. Setzt sich das Wetter über das sture Reglement der Schul-Bürokraten hinweg, müssen die Kids dünsten. Am Nachmittag steht die Metropole erstmals knapp vor dem Strom-Kollaps: Kleine Backouts, brennende Stromverteiler in den Straßen, hängengebliebene Subway-Züge, zehntausende gestrandete Pendler. Das übliche. Apropos: Die Klimaanlage im Schlafzimmer, die den ganzen Tag über einwandfrei lief, gibt pünktlich zu Mias Schlafzeit wieder den Geist auf. Diesmal blasen wir das Aerobed auf und platzieren es im Wohnzimmer. Unsere Wohnung erinnert an ein Hitze-Flüchtlingslager.

Dienstag, 10. Juni:
Diesmal kann ich mich nicht drücken vor der Großstadthitze. Mit Krawatte und Anzug erdulde ich die bereits 32 º um 10:30 Uhr am Vormittag – und die 40 º in der U-Bahn-Station, wo die Garnituren die Heissluft ihrer Klimaanlagen zurücklassen. Nach dem berüchtigten, endlosen Marsch von Grand Central zum UN-Headquarter (mit einer perfiden Steigen zur First Avenue hinauf) komme ich dort praktisch patschnass an. Die Schlange vor der Security ist endlos: Offenbar nehmen Schulklassen auch alle Indoor-Sightseeing-Möglichkeiten wahr, um der Hitze zu entrinnen. Ich kann wenigstens Abtrocknen, bevor ich die Österreich bei der AIDS-Konferenz vertretende Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky zum Interview über HIV, Hillary und Ärztestreik treffe. Ich bin froh, es mit der U-Bahn ohne Zwischenfälle wieder nach Hause zu schaffen. Es hat heute nur 36 º C. Dennoch brechen diesmal die PATH-Züge nach New Jersey zusammen. Die Kids sind auch schon etwas erschöpft an Tag Vier dieser vieleicht frühsten und intensivsten Hitzewelle New Yorks: Max schreibt einen Brief an die Schule, wonach er den „heißen Schulbus“ nicht mehr nehmen möchte. Und Mia wirkt am Spielplatz ebenfalls etwas lethargisch. Eine Kaltfront zeigt schließlich am späten Abend Gnade (vor allem mit den zehntausenden, neuerlich zurückgelassenen Pendlern, die sch wieder stundenlang wegen den Öffi-Kollapsen durch den schwülen Backofen nach Hause kämpfen müssen). Mit einer spektakulären Blitzschlag-Orgie und weggewehten Dächern an der Upper West Side verlässt die von dem zuvor stationären Ostküste-Hoch direkt aus der Karibik hochgeschaufelte Tropenluft die Stadt. Unsere Klimaanlage funktioniert natürlich auch pünktlich zum Ende der Hitzewelle wieder.

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