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Apple stinkt! Harte Worte. Und ich tippe sie als begeisterter Apple-Fan seit über einem Jahrzehnt zögerlich. Aber nach 5:12 Stunden Warten in der schwülen Julihitze in Midtown Manhattan auf mein 3G-iPhone-Upgrade fallen mir leider keine anderen ein. Ich wurde Zeitzeuge eines bizarren Frontalunfalls in Sachen Produktverkauf. Unwürdig jeder Firma, besonders natürlich Apple. Think different, remember? Rapportiert hatten die US-Medien die “iApocalypse” ja nur am ersten Verkaufstag der schnellen und billigen iPhone-Variante: Server kollabierten, frustrierte Kunden mit nichtwerkenden Geräten heimgeschickt. Doch der unfassbare Dilettantismus ist prolongiert, 13 Tage nach dem gehypten Verkaufsstart. Und die Kunden werden mit stundenlangem Anstellen gequält ausgerechnet vor Apples globalen Aushängeschild, dem US-Flagship-Store mit dem schicken Glaskubus an der Südostecke des Central Park, das Wahrzeichen der Kultmarke, längst so weltberühmt wie die Glaspyramide vor dem Pariser Louvre.


Warteschlange an der Fifth Avenue

Beschworen hatten die PR-Profis aus Cupertino, dass Aktivierungstroubles und Vorratsengpässe, ausgelöst durch einen „Massenantrag“, längst behoben seien. Behoben? Unter dem leuchtenden Apple-Logo in Midtown befindet sich inzwischen der einzige Ort in der Weltmetropole New York, wo das iPhone überhaupt zu haben ist. Und nicht dass tausende Fans wie die Hunnen die Glastüren mit Rammböcken attackieren: Als ich mich um 14:42 Uhr anstelle, stehen gerade mal 150 Menschen vor mir. Eine mittelmäßig lange Schlange, wie sie vor jeder Airport-Sicherheitsschleuse zu finden ist. Als ich um 19:54 Uhr demoralisiert von Verkäufer Jeff in Empfang genommen werde, hat Apple dann offensichtlich gerademal genausoviele verkauft. Bei diesem Tempo bräuchte Apple für die anvisierten 10 Millionen Stück bis Jahresende 13.888 Tage, oder 38 Jahre, zum Verkauf. Vielleicht helfen die anderen Stores ja doch noch aus.

Dabei hatte ich die Warnungen der coolen Apple-Kids, wonach die Wartezeit bis zu vier Stunden lang werden könnte, leichtfertig in den Wind geschlagen. Wer könne schon vier Stunden brauchen, um 150 iPhones zu verkaufen und aktivieren? “Werden die vor uns zusammengeschraubt”, scherze ich. Ich hätte das Blödeln lassen sollen. Schuld an dem iSchildbürgerstreich ist vor allem – neben recht irdischem Missmanagement bei der Distribution des als Jesus-Phone vergötterten Kulthandies – die neue Praxis, dass die Hightech-Dinger im Geschäft aktiviert werden müssen. Bei Variante 1.0 ging das alles noch bequem von zu Hause aus: Doch freche Kunden aktivierten sie nicht wie befohlen mit dem Horroranbieter at&t, sondern – entsperrt – mit der Konkurrenz. Und sogar in Staaten, wo es laut Apples Welteroberungsplänen noch gar keine geben sollte. So brutal können die Kräfte des freien Marktes sein, sind sie erst mal entfesselt.

Nun erinnert der iPhonekauf an ein Jobinterview als Wächter des Goldschatzes in Fort Knox: Sozialversicherungsnummer, von der US-Regierung ausgestellte ID (Tschüss, Touristen!), Kreditwürdigkeitscheck. Dafür erhält der Kunde des Recht, at&t mit den überteuerten Monopoltarifen wie etwa $30 nur für den Datenplan samt Zweijahresknebelvertrag bereichern zu dürfen. Das alles kann so “schnell” wie in zehn Minuten abgewickelt sein, wie uns die Apple-Kids mit blumigen Anekdoten von der iPhone-Verkaufsfront die Zeit vertreiben. Bei einigen dauert es länger: Probleme mit dem Nummerntransport vom Ex-Handy-Anbieter bedurften langer Telefonate mit at&t und seinen nicht als rasant bekannten „Reps”. Das iPhone: Ein Hightechwunder des 21. Jahrhunderts. Sein Kauf: Ein umständliches Prozedere, das selbst die Bürger von Byzantion als ärgerlich empfunden hätten. Besonders clever: Die tausenden at&t-Verkäufer, die in ihren dutzenden Filialen in New York für die Abwicklung des bürokratischen Schwachsinns bei einer Handy-Anmeldung ausgebildet sind, haben alle keine iPhones mehr. Sold out!

In der Schlange halten sich die in stundenlanger Geiselhaft gehaltenen Apple-Kunden mit Galgenhumor bei Laune: Larry, ein Filmmanager aus Boston, sinniert über Verschwörungstheorien von Corporate America: “Die halten hier eine künstliche Warteschlange am Leben, um eine starke Nachfrage zu hypen”. Dann sinniert er: Auf was würde man sonst fünf Stunden warten? Eine Sex-Change-Operation? Ein 17-jähriges Highschool-Kid lässt sich nach drei Stunden Pizza von der Mamma bringen. Ihr altes iPhone ist in die Klomuschel gefallen. Es folgen herzzerreißende Szenen: Larry wirft nach dreieinhalb Stunden das Handtuch, weil er einen Termin nicht verschieben kann. Die Büromanagerin vor mir gibt zehn Minuten danach auf, da sie ihren Flug nicht verpassen will. Und ich bin noch am Day After derart pissed off, dass ich mich über das neue Gerät nicht mal richtig freuen kann.