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So sehen Breaking News bei mir aus. Nein, es ist kein Terroranschlag. Kein Brückenkollaps. Kein in ein Hochhaus donnernder Hobbypilot. Kein eine ganze Metropole versenkender Hurrikan. Kein Megaskandal in der Jahrhundertwahlschlacht zwischen Obama und McCain. Ich rede von wirklichen Breaking News: Den ersten Bildern der Brangelina-Twins, den 14 Millionen teuren Fotos des Baby-Doppelpacks der Hollywood-Megastars Angelina Jolie und Brad Pitt.


$14-Mio-Cover: United Colors of Brangelina…

Als ich mein iPhone um 6:45 Uhr, wie üblich, von Airplane Mode (nachdem ich es auch als Wecker verwende, will ich zumindest die Nacht über strahlenfrei sein…) auf Empfang stelle, bricht ein Inferno verschiedenster Piepstöne aus: Fünf SMS-Alarms künden von ebensovielen Emails aus der Wien-Redaktion. Ein weiteres „Babum“ verlautet eine Voice Message: Die Nummernkennung mit „000“ am Ende verrät schon vor dem Abhören den Absender. Der Herausgeber. Höchstpersönlich. Good Monday Morning. Online habe ich die Freigabe der Twin-Fotos ja bereits am Abend gesehen – und weitergemeldet. Doch jetzt brauche ich, die Sonne gerade über Long Island aufgestiegen, einen kleinen Info-Jumpstart. Glücklicherweise tippt in der Nachbarwohnung Stephen gerade an seiner Morgenkolumne für People.com. “Wir haben eine Sondernummer gemacht”, erklärt er den eigenartigen Tag für Enthüllungen des sonst am Freitag erscheinenden, wichtigsten Leute-Magazin Amerikas. “Hol es dir im Newsstand”, rät er.

Oh Gott! Newsstands, sprich Trafiken, in meiner Umgebung! Durch nichts erinnert New York so frappant an Bombay wie der Zustand der Zeitungsstand-Branche, zumindest in meiner Umgebung, dem Finanzdistrikt rund um die Wall Street. Dort wird zwar 50 % des weltweiten Aktienvolumens blitzschnell gehandelt – jedoch weit weniger imposant mit in Zeitungen und Magazine gedruckten Worten. Prompt zeigen sich die ersten angesprochenen Trafikanten bei den Straßenständen wie erwartet ahnungslos. “People? Special Issue? Jolie? Pitt? Twins? Big News?” Ein leeres Grinsen, ein kurzes Kopfnicken. “Touristen-Depp”, werden sie sich wohl wundern. In der Zwischenzeit kämpfe ich mich durch die langsame Software am neuen, ach so schnellen iPhone 3G samt besonders heftigen Netzproblemen bei at&t zu den zahlreichen Personen in ebensovielen Departments durch, um sie über meine Jagd durchs frühmorgendliche New York nach einem Brangelina-People upzudaten.

Es Zeit für Plan B: Hudson News, Grand Central, Midtown, dem größten und verlässlichsten Laden Manhattans. Ich warte in der schwülen Subway-Station zehn Minuten auf den Nr. 4-Express. Sardinentime. Ich schlängle mich durch den Menschenstrom der bereits um 7:50 Uhr entnervten Anzugträger zum Newsstand. Jackpot: Gleich beim Eingang lacht die Starfamilie mit dem dreiwöchigem Nachwuchs Nr. 5 und Nr. 6 vom Hochglanzcover. Bei der Kassiererin wartet ET-TV. Ich soll ein Interview geben. Ich erzähle ihnen über die weltweite Aufregung. Sie lassen mich die 20-seitige Fotostrecke durchblättern. Tatsächlich, es sind vielleicht die Fotos des Jahres, Gruppen- und Einzelbilder der berühmtesten Multikulti-Familie unserer Zeit: Die Celebrity-Eltern Jolie und Pitt halten je einen der am 12. Juli geborenen Twins, das Mädchen Vivienne Marcheline und den Buben Knox Leon, in ihren Armen. Mitten drin sitzt Zahara, die aus Äthiopien adoptierte Dreijährige. Auf Pitts Schoß lungert Shilo (2), das erste leibliche Kind der transkontinentalen Großfamiliengründer, auf der anderen Seite hält Pax (4), von Jolie aus Vietnam adoptiert, mit Pagenkopf und cooler Blondsträhne frech den Fuss in die Kamera. Maddox (7), Adoptivkind Nr. 1 aus Kambodscha, fehlt am Gruppenfoto, kümmert sich jedoch auf anderen der Millionen-Shots rührend um die Babies.

Kein Wunder, dass hier mehr bezahlt wurde als für Clintons Bio: „Brangelina Inc.“ ist Glamour und Starpower. Sie sind cool. Leger gekleidet, wie aus einem GAP-Modekatalog. Alle Hautfarben sind vertreten. Fast alle Kontinente. Sie sind die wichtigsten Botschafter zur Promotion des Kinderkriegens im aussterbenden Westen. Ihre Familie ist ein Statement gegen Rassismus und Engstirnigkeit. “United Colors of Brangelina” sozusagen.

Ich navigiere längst durch die weit unglamouröseren United Colors der morgendlichen Big-Apple-Stoßzeit mit einem diesmal in einem Tunnel endlos stecken bleibenden Nr. 4-„Express“ zurück. Wieder muss ich das löchrige Handy-Netz von at&t überwinden, um die Erfolgsmeldungen nach Wien weiterzumelden. Zusammengefasst: Die Brangelina-Babies verursachten den größten Hype seit geraumer Zeit. Und New Yorks kaputte Drittwelt-Infrastruktur raubt den letzten Nerv bei einer sich so simpel anhörenden Aufgabe, wie ein Magazin kaufen zu gehen…