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Ist die Luft aus dem US-Wahlkampf draußen? Oder drinnen, zu viel von ihr? Es scheint jedenfalls nur mehr darum zu gehen. Und nicht in der sprichwörtlichen, heißen Form – sondern in der wirklichen, gepressten. Noch genauer gesagt, um die innerhalb von Autoreifen. Obwohl die hochmotorisierten Amerikaner wegen horrender Benzinpreise in ihren Suburb-Villen und SUV-Karossen festsitzen, es um die Zukunft des Weltklimas ebenso geht wie die für uns überlebenswichtige Frage, wie sich der Westen endlich von seiner Ölsucht entwöhnen kann, steht beim Kampf um “Captain Amerika”, Nr 44, triviales im Medienrampenlicht: McCain und sein Team aus Rove-Klonen fand es zum Ablachen, dass Obama im Rahmen seines umfassenden Energie-Planes auch anregte, Autofahrer sollten ihre Reifen aufblasen, um Sprit zu sparen. Das Einsparungspotential: 3-4%. Obwohl kein Experte das bestreitet und die Idee nur als ein Punkt in einer langen Liste an Lösungsvorschlägen auftauchte, war McCain nicht zu halten: Während Amerikanern das Hemd bei der Tankstelle ausgezogen wird, rät ihnen Obama, ihre Reifen aufzublasen. Ha, Ha! Typisch: Arroganter, abgehobener Polit-Snob!

Dem Attackierten blieb nach tagelangem, rechten Trommelfeuer besonders auf Fox-News nichts übrig, als sich letztendlich doch im Schlamm zu wälzen: Ignorant sei McCain, schoss er zurück, da er sich über praktische Tips, wie sie in jedem Autohandbuch zu finden seien, lustig mache. “It´s Come to This?”, titelte selbst der Drudge Report etwas ratlos unter einem Foto eines Reifendruckmessers.

Team McCain kann die Trivialisierung der Wahlschlacht ja nur recht sein: Die 24/7-Talkingheads in den TV-Newskanälen sollen lieber über Reifendruck, Paris Hiltons Aufstieg als Wahlkampfaufputz und Obamas (“elitäre…”) Vorliebe für Arugulasalat reden als den desolaten Zustand des Bush-Amerika. Und Taktik klappt oft recht gut: 2004 war etwa Obamas Demokraten-Kollege John Kerry mit seiner Vorliebe fürs Windsurfen, seinem elitär-langen Gesichtszügen und etwas detailverliebten Rhetorik versenkt worden. Kurz: Mit einem langgesichtigen Windsurfer und einen Multikulti-Arugula-Salatesser geht man nicht so gerne auf ein “Bud” in der Kneipe wie mit den lustigen Kumpeln Bush und McCain. Obwohl Medien und Republikaner dieses “Spiel jedes Wahljahr spielen”, schreibt Arianna Huffington, Gründerin des gleichnamigen Internet-Dienstes, bereits ernüchtert, hätten zunächst viele geglaubt, dass es diesmal doch anders sein könnte: “Die Probleme seien einfach zu groß – vom endlosen Krieg, der drohenden Rezession oder dem Fastkollaps des US-Bankensystems”, so Huffington.

Dass sie sich alle geirrt haben, liegt auch an wenig an Obama. Ohne dass er rasend viel dafür kann. Die OD, die Überdosis an Hype um den schwarzen Shootingstar hat Amerikas Wahlvolk fast ins politische Koma befördert. Besonders auch durch das fünfmonatige Bombardement in Vorwahl-Thriller gegen Hillary (dem 12 Monate Vorvorwahlkampf vorausgegangen waren…). Seit Jänner 2007 inspiriert Obama eine ganze Generation vom Traum einer neuen Ära in der US-Politik und dem Comeback eines “guten Amerikas” als Führungsmacht bei der Lösung existentieller Weltkrisen. Viele sind wohl nach 19 Monaten dem Dauerträumen überdrüssig – und aus “Obamamania” ist “Obama-Müdigkeit” geworden. 48 % der Amis beschwerten sich laut Pew-Umfrage, zu viel über Obama zu hören.

Der nimmt sich eine Woche den verdienten Urlaub in Hawaii. Das könnte wie ein Balsam sein. Doch Sommerurlaube in Wahljahren sind Minenfelder, wie der Boston Globe ausführt: Vor vier Jahren nützte Kerry die starke Seebrise im Nantucket Sound für einen coolen Windsurfritt über die Wellenberge. Seine Wahlchancen waren prompt verblasen.