NBCs „Milliarden“-Wirklichkeit: Olympia-Seifenoper zur Primetime


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Wer 894 Millionen Dollar für übertragungsrechte berappt, kann sich die Wirklichkeit schon ein wenig zurechtbiegen. Besonders wenn für den TV-Sender NBC die Übertragungszeit der bombastischen Eröffnung der Peking-Olympics außerhalb der werbeertragsreichen Prime Time fällt. Dann kann (und muss, angesichts der finanziellen Obligationen) die Zeit angehalten werden – auch wenn es gleich 12 Stunden sind. Überall rund um die Welt fieberten Milliarden Menschen mit dem herausragenden Spektakel mit. Nur im größten Nachrichtenmarkt der Erde stand dank NBC die Zeit still: Kein Bild der Licht-Trommler, kein Videoclipp der explosionsartigen Feuerwerke über dem “Bird´s Nest”, keine Eindrücke der herumschwebenden Komparsen, keine Sekunde des farbenprächtigen Nationeneinmarsches zu sehen.


Olympia-Feier in Peking: Zeit 12 Stunden angehalten…

Fast hatte ich vergessen, dass der Event überhaupt stattfindet. Erst durch ein Telefonat mit meiner etwas kurzangebundenen Mutter werde ich an meine triste Existenz im amerikanischen News-Gulag erinnert. “So ein tolle Show”, schwärmt sie. “Und gleich kommt die Fackel!” „Ich halte dich nicht auf“, sage ich noch schnell. Kleinlaut füge ich an: Bei uns findet das erst in Prime Time statt. Ich denke nicht, dass sie mich richtig verstanden hat. Es ist auch nicht leicht zu kapieren: Seit ich 1999 nach New York zog, habe ich jede Lust am Olympia-Schauen verloren. Die Spannung, in “real time”, “live” eben, beim wichtigsten Sportfest mitfiebern zu können, ist verloren: Die Producer-Profis von NBC filetieren die Übertragung der Wettbewerbe in Seifenopern-ähnliche Segmente, die sie dann zwischen den lähmenden 3-Minuten-Werbeblöcken alle 4 Minuten (ich übertreibe…) platzieren. Und es ist wirklich rührend: Da ist Sportler A, als einem Nest in Pennsylvania, die Mutter arm, der Vater ausgerissen, das Talent riesig, die Mittel bescheiden, die Hürden gewaltig. Und dann der Traum von Olympia! Jetzt weint halb Amerika – und ich habe bereits vergessen, um welchen Sport es eigentlich geht.

Nur einmal vor zwei Jahren wollte ich mir bei den Winterspielen in Turin zumindest beim Abfahrtslauf die Spannung erhalten. Einen halben Tag musste ich auf nachrichtentechnische Tauchstation gehen. Auf der Flucht vor dem Ergebnis. In einem Cartoon wäre ich eine Figur gewesen, die sich beide Ohren zuhält und laut „La-La-La-La“ vor sich hersagt. Fernzubleiben galt es vor allem Telefonaten mit möglicherweise euphorischen Österreichern. Oder eben dem Internet. Ist es mir gelungen? Natürlich nicht: Nachdem ich nicht Gärtner sondern Korrespondent bin, stolperte ich letztendlich doch noch weit vor der NBC-Prime-Time-Übertragung auf einer enorm unverdächtigen Website darüber. Antoine Deneriaz? Who the hell is he?

Überhaut: Das Internet! Das schlichte Grauen für die kommunistischen Machthaber im Pekinger ZK. Und NBCs Wirklichkeitszurechtbiegern. Denn glatt setzten sich skrupellose US-Bürger online über den News-Blackout hinweg und spielten sich elektronisch „geheime“ Videoclips zu. “Live Leaks” von ausländischen TV-Stationen, Kurzvideos auf Youtube.com. Während die NBC-Wächter (kein Witz!) Provider tormentierten, das “verbotene Material” vom Netz zu nehmen, tauschte die freche Web-2.0-Gemeinde via Twitter immer neue Weblinks aus. “Noch nie wirkten die alten Network-Gewohnheiten so archaisch – oder so irrelevant”, ätzte die New York Times. Vielleicht! Doch nach wie vor klingelt beim archaischen Sender die Kasse: Die Werbeeinnahmen überstiegen die Milliarden-Grenze. Und die Zuseherzahlen lagen um 15 % über Athen. Auch wohl wegen dem verbotenen Hype um www…

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