Print Friendly, PDF & Email

Der Zeitpunkt hätte pikanter kaum sein können. In der Wall Street schleppten sich abgekämpfte und Martini-kippbereite Broker nach einem weiteren Tag des historischen Börsenmassakers aus dem Säulengebäude des NYSE. Wenige Blocks entfernt legten Bauarbeiter durch das Entfernen der Baugerüste den Blick auf die Lobby von New Yorks vielleicht ambitioniertesten Luxus-Condo-Projekts, dem “Visionaire”, 70 West Street, frei. Tatsächlich geriet die Eingangshalle zu einem Juwel kontemporärer Innenarchitektur: Transparenz durch große Glasflächen, dennoch einladend durch warme Birkenholzwände – dazu drei coole, bunte Lampen, die wie UFOs in der Halle schweben.


Lobby des Visionaire: Wi sind die Käufer?

Jetzt braucht das von Stararchitekten Cesar Pellli entworfene Vorzeigeprojekt grüner Architektur samt Solaranlagen, recykeltem Brauchwasser und LEED-geprüften Öko-Baumaterialien nur mehr Mieter. Denn viele der potentiellen Käufer der zigmillionenteuren Apartments schleppen eher ihre Büroutensilien in Schuhschachteln aus den Glitzertürmen gefallener Investmentbankgiganten wie “Lehman Brothers”. Droht New York ein Kollaps seines gerade nach 9/11 so explodierten Marktes an Luxus-Condos? Vor allem nachdem bis zu 40.000 Jobs in der Ex-Boombranche der Weltfinanz gekappt werden dürften?

Immer ambitioniertere und teils fast obszöne Projekte hatten sich beim Keilen um die bonusbeladenen Wall-Streeter übertroffen – und Manhattans Skyline mit teils misslungenen, teils ansehnlichen Condo-Türmen dramatisch verändert. In Verkaufsbroschüren scharten sich Cosmoschlürfende, 20-jährige Supermodells in Sky-Bars mit Blick über die Glitzerwelt Manhattans um maßbeanzugte Banker-Typen. Gerade im und um den Financial District schossen sie dutzendweise in den Himmel: Am Hudson entstand das “River House”, wo sich Leonardo DiCaprio ein Apartment schnappte. Der Verkauf in dem von Phillippe Starck designten Condoturm “dwell95” startete ausgerechnet am Montag, als der Dow den größten Crash seit 9/11 hinlegte – ein starkes Stück misslungenem Timings (vielleicht ließen sich einige inspirieren von John McCains mutiger Aussage am gleichen Horrortag, dass die Fundamente der US-Wirtschaft stark seien…). Im William Beaver House, das von Architekten Andre Balazs gewollt selbst fast fertig immer noch wie ein Rohau aussieht, hatten sich zuletzt die Bauarbeiten ins Zeitlupentempo verlangsamt. Kein Signal, dass potentielle Käufer wie Hunnenhorden an die coolen Glaseingangstüren trommeln.

Real Estate-Experten verbreiten noch Zweckoptimismus und fantasieren über neue Zielgruppen: Babyboomers etwa, deren Kinder wegen unerschwinglicher Mietpreise und tristem Jobmarkt wieder den elterlichen Hafen ansteuern könnten. Oder ausländische Investoren: Zehn Millionen fallen rund um die Welt in die “high net worth”-Kategorie, rechnete Brokerin Esther Muller in einem WSJ-Blog vor. Wie viele es nach dem globalen Finanzgemetzel sein werden, bleibt abzuwarten. Trotz aller Frontbegradigungs-Rhetorik dürfte es eher eine bittere Landung werden für die ehemalgen Höhenflieger des “Luxury Housing Markets”: Die Finanzjongleure der Wall Street galten mit einemDurchschnittsjahressalär von $387.000 und Weihnachtsbonusgeschenken von meist über einer Million als Klientel Nr. 1. “Der Markt wird erodieren in den nächsten zwei Jahren”, so Experte Jonathon Miller zu “metro”: Geistertürme könnten zurückbleiben, Großprojekte abgeblasen werden.