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Der Dow stürzt während ich diese Zeilen tippe. 700 Milliarden Tax-Payer-Dollars? Wall Street ist unimpressed! Immerhin: Das Aramageddon der Finanzmärkte dürfte Barack Obama letztendlich ins Oval Office spülen. Seit dem Beginn der Serie beliebiger, schwarzer Wochentage zieht er in den Umfragen auch nach siegreicher Debatten-Perforance gegen McCain stetig davon. Was am Inaugurations-Tag, dem 20. Jänner 2009, noch von der Supermacht übrig ist zum Regieren bleibt abzuwarten. Beendet hat das Finanzbeben jedenfalls McCain & Cos perfide Ablenkungstaktiken.

Immer von einem täglichen News-Zyklus zum nächsten, hieß die Devise:

  • Obama begeistert 200.000 in in Berlin, die Erde sehnt sich nach einer neuen, Bush-freien Ära! McCain verulkt Obama wegen seiner Starpower als Polit-”Paris Hilton”.
  • Obama hält in Denver vor 85.000 die vielleicht mitreissendste Parteitagsrede aller Zeiten. McCain beamt Stunden später Super-Mom Sarah Palin von den Rentierherden Alaskas ins nationale Rampenlicht.
  • Obama vergleicht den lächerlichen Makeover des seit 26 Jahren im Senat tätigen McCain als plötzlichen „Ausmister“ (Bush? GOP? Who?) mit der gebräuchlichen Phrase: “Das wäre, als würde man Lippenstift auf ein Schwein malen!” McCain dominiert prompt zwei Tagesgefechte in den Medien: Der Sexist Obama habe seine Sarah indirekt aus Schwein bezeichnet.
  • Die Taktik ist oft effektiv: US-Wahlkämpfe gleiten wegen des immer schnelleren, vom Internet angetriebenen und in den Kabelnachrichtenkanälen hochgepeitschten News-Bombardements in triviale Seifenopern ab. “Talking Points” geben die Debatten in den Shows der “Talking Heads” vor: Obamas „elitäre“ Vorliebe von Arugula-Salad, Flaggenanstecknadeln, die unpatriotische Gattin Michelle und, ja, genau, Lippenstift. Meister Karl Rove hat uns mit ähnlichen Nebensächlichkeiten acht Jahre Bush beschert.

    Dann kam jedoch die Lehman-Pleite, der Startschuss für die schlimmste US-Finanzkrise aller Zeiten (Warren Buffett). “Move over Lipstick”, titelte die Huffington Post. McCain – panisch, dass seine Trivial-Taktiken nun nicht mehr greifen könnten, besonders auch nachdem Obama plötzlich mit bis zu neun Punkten davonzog – setzte auf noch größere Nebelgranaten: In einem absurden Polit-Theater setzte er den Wahlkampf aus, verlangte eine Verschiebung der TV-Debatte und jettete als selbstdeklarierter $700-Mrd.-Rettungspakt-Retter in die US-Kapitale, wo ihn seit April niemand mehr gesehen hatte. Beim großen “Photo-Op” mit Bush im White House saß er dann wortkarg da, „wie eine Topf-Pflanze“, so Ex-Clinton-Stratege Paul Begala. Während ausgerechet McCains rechte Parteifreunde den Deal kurzfristig versenkten.


    Palin zu Couric: Fratze Putin…

    Immerhin konnte der Polit-Stuntman damit kurzfristig vom Super-GAU seiner Nr. 2 ablenken: Sarah hatte wohl geglaubt, CBS-Anchor Katie Couric, immerhin ebenfalls Frau und Mutter, werde sie mit Glacee-Handschuhen angreifen. Und lief ins offene Messer: Ihre wirren Aussagen (siehe Video oben) zur geografischen Nähe Alaskas zu einer sich potentiell erhebenden “Fratze Putin” werden inzwischen sogar verglichen mit dem Gestammel von Miss South Carolina Teen, Lauren Caitlin Upton, warum ein Fünftel der US-Bürger Amerika nicht auf einer Landkarte ausmachen können. Ein harte Anspielung: Immerhin gilt Ms. Uptons Verbalunfall als dümmste Aussage der Menschheitsgeschichte. Selbst erzkonservative Ex-Palin-Fans befällt leichte Panik – vor allem nachdem dank Youtube Palins erschütterndes Gestottere als Hit am Interview McCains anvisierte Tageszyklen immer neuer Ablenkungen überdauert (samt einem Video, wo sie ein irrer Pastor vor Hexerei beschützt, und ein anderes, wo sie im roten Swimsuit bei der Misswahl herumstolziert…). Tina Fays Palin-Parodien auf Saturday Night Life sorgen dazu für Rekordquoten.

    “Sich verkrümmt” und verzweifelt nach dem “Mute”-Knopf an der TV-Fernbedienung gesucht hätte die konservative Kolumnistin Kathleen Parker bei Palins zufälliger Anordnung leerer Worthülsen beim Q&A mit Katie. Parker: Sie solle zurücktreten, sich vielleicht um ihr Neugeborenes kümmern. Autsch. Kurzfristig war McCains Palin-Wahl ein Hit. Jetzt riss sie den McCain-Kahn auf wie der Eisberg anno 1912 die MRS Titanic. Selbst in Zeiten trivialer News-Zyklen. Und der Dow ist jetzt auf minus 310 Punkte.