„Brownie II“ irrt durch das Finanz-Katrina


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Entweder die Amerikaner sind wirklich die optimistischsten Bürger des Planeten – oder eine Welle hallozinogener Drogen schwappt über das Land. 71 Prozent sind laut jüngster CBS-Umfrage “optimistisch” über die Zukunft. Klar, erst vorige Woche schrieb Amerika mit Obamas Wahl Geschichte – und 63 Prozent sind darüber sehr happy, inklusive einem Fünftel der McCain-Wähler. Doch wird Obama nun tatsächlich für “The One” gehalten? Keanu Reeves aus der Matrix, der im Alleingang die von seinem Vorgänger so gründlich devastierte “Supermacht” vor dem totalen Absturz bewahrt?

Dabei könnte bei dem Tempo, mit dem die Verheerung voranschreitet, Amerika am Tag der Obama-Übernahme am 20. Jänner dem Hollywoodset eines Terminator-Films gleichen. Vielleicht liegt es an meiner europäischen “Glas=Halbleer”-Mentalität. Doch angesichts der Tsunami täglicher Horrornews von der Wirtschafts- und Finanzfront sind für mich kaum Silberstreifen am Horizont erkennbar: Früher hätte jede der Einzelnachrichten die Wirtschaftswelt wochenlang in Atem gehalten. Jetzt knallen gleich drei, vier pro Tag rein: Der Kreditkartenriese Amex fast pleite, GM hat nur mehr Cash für drei Monate, $40 Mrd. zusätzlich für AIG, Circuit City bankrott, Starbucks bleibt auf seinen “Frappuccinos” sitzen. Und das kommende Weihnachtsgeschäft? Don´t ask. Der stürzende Dow gehört bereits zur Tagesroutine. Mitunter denke ich mir: Wenn er bei Null anlangt, würden wenigstens endlich die deprimierenden, in allen TV-Kanälen eingeblendeten Minus-Zahlen wegfallen.

Hinzu kommt die beruhigende, professionelle Performance der Bush-Truppe, die dem Finanzhurrikan so energisch begegnet wie Brownie damals Katrina. Treasurer Hank Paulson sei längst “Defakto-Präsident”, schrieb John Crudle in der NY Post. Leider ist auch seine Performance wenig überzeugend: Als vermenschlichte Antithese zum benötigten kühlen Kopf zappelt er in Pressekonferenzen hyperaktiver herum, als selbst Sohnemann Maxwell beim Nachstellen von Pokemon-Schlachten. Erschöpft und verwirrt saugte der Ex-Investmentbanker bei einer Pressekonferenz aus einer Wasserflasche. Die 700 Milliarden Dollar an Steuergeldern? Die werden wir jetzt für was anderes verwenden, richtet er der Nation aus: Plan C!

  • Never mind wegen A: “TARP”, dem “Troubled Asset Rescue Programm”, wo der Staat faule Kreditpakete kaufen und später mit Gewinn für die Steuerzahler abstoßen hätte sollen. Die Strategie war durch die von einer Klippe fallende US-Wirtschaft bereits überholt, bevor Paulson Schreibtische mit dem Personal für die Implementierung besetzen hatte können.
  • Dann kam Plan B, das Pumpen irrer Mengen an Steuergeldern direkt in die Banken: Die können nun gleich 120 Milliarden Dollar an Dividenden an ihre Aktionäre ausschütten und sich selbst mit Milliarden-Bonuszahlungen zu Weihnachten beschenken – anstatt wieder Kredite zu vergeben, um die kaputte Wirtschaft anzukurbeln. Ooops. “Brownie II” hat vergessen, eine kleine Klausel einzubauen. Sorry! Kann natürlich nur ein Zufall sein, wenn man Paulsons Wall-Street-Vergangenheit bedenkt.
  • Niemand hält sich lange mit Paulsons neuem Plan auf. Übermorgen präsentiert er uns sicher Plan D, oder gleich F. Whatever. Wenig habe sich jedenfalls bisher geändert, so Crudle: “Die Wirtschaft stinkt! Und Paulson ist immer noch ahnungslos!” Insgesamt 5.000 Milliarden Dollar soll laut Forbes die „Federal Reserve“ Fed bereits in zahllose Rettungspakete gepumpt haben: Wer was wofür kriegte, bleibt bisher ein Geheimnis. Bloomberg brachte zuletzt sogar eine Klage nach dem „Freedom of Information Act“ ein, um den Fluss von zumindest zwei Billionen zu klären. Bevor jedoch so richtig blanke Wut aufkommt, erläutern Experten mit todernster Mine: Die Bonuszahlungen könne man Wall Street nicht verdenken. Die seien nötig, um “Top-Talente” bei der Stange zu halten. Vielleicht würde die Menschheit angesichts der totalen Zerstörung der Weltwirtschaft durch Gier, Inkompetenz und Herdentrieb ohne diese Talente künftig besser auskommen.

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