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Wie aus der Pistole geschossen nennt sie die Preise von Nintendos Kult-Computerspiel “Wii”. Arabel Nunez (35) hat das alles ausreichend recherchiert. “Die Preise sind gefallen”, präsentiert sie stolz ihr Fachwissen. “Unter 200 Dollar sind die schon zu haben”. Dennoch musste sie kurz vor Weihnachten ihren beiden acht- und neunjährigen Söhnen eine bittere Absage erteilen. Wichtiger sei, sagt sie und ist nun sichtlich nicht mehr ganz so stolz, “dass sie nicht wieder hungrig ins Bett gehen”. Nunez ist eine von 30 Millionen Amerikanern, die die Regierung der reichsten Nation der Erde füttern muss, damit sie nicht verhungern.

Sie sitzt im zweiten Stock einer sterilen Amtsstube im Bezirk Chelsea, Manhattan. Sie wartet mit gut 40, teils zerzausten Leidensgenossen aus Amerikas anschwellendem Armenheer bis ihre Nummer aufgerufen wird. Wieder ein elektronischer Piep: “Nr. 1082”, dröhnt via Lautsprecher. Der Ort wirkt eher wie ein Verkehrsamt. Doch hier werden “Food Stamps” (Essensgutscheine) ausgegeben, Cash in Wirklichkeit, mit dem Essen angeschafft werden kann. Der Ort bietet bei der Inspektion tatsächlich ein Bild der Tristesse: Einige sind beim Warten eingenickt, ihre Jacken abgewetzt, die Haare verfilzt. Andere starren leicht verwirrt durch die neonbeleuchtete Halle mit dem blassvioletten Wandanstrich. Einer redet mit sich selbst.

Dass ich das als Reporter natürlich alles nicht sehen soll, wird fünf Minuten später offensichtlich: „Was machen sie da?“, herrscht mich ein schlecht gekeideter Security-„Cop“ an. Drei weitere, schlecht gekleidete Typen stehen mit finsterer Mine dahinter. „Well…“, beginne ich: Wollte mit jemanden hier reden, bekam von einem Beamtenroboter eine Wartenummer für Food Stamps – und während dem Warten redete ich mit ein paar Leuten. Sorry! Aber ihr habt mir selbst mit eurer bürokratischen Idiotie diese Chance verschafft… „Das ist total gegen das Protokoll“, entsetzt sich Mr. Security. Klar, auf den Rückruf der NY-Presseabteilung, die solche Assignments offiziell genehmigen müsste, würde ich genau forever warten. Jetzt kopiert er meinen Presseausweis. Bibber! Fürcht! Schuck! Und verlangt meine Notizen: Ich gebe ihn ein paar alte Zettel.

Anyway, zurück zur Story: 214 Dollar bekommt Nunez alle zwei Wochen. Als Parkarbeiterin räumt sie dazu Mist auf, hält öffentliche Gärten in Schuss. Damit komme sie im Monat mit 1.590 Dollar auf ein karges Gehalt. In der überteuerten Weltmetropole “zu wenig zum Leben doch genug, um gerade nicht zu verhungern”, wie sie leicht verbittert erklärt. 550 Dollar kostet davon ihre Sozialwohnung in einem runtergekommenen Viertel der Bronx. “Dabei bin ich froh, wenigstens meinen Job noch zu haben”, sagt sie. Panisch denkt sie angesichts der Tsunami täglicher Horror-Nachrichten von der Wirtschaftsfront: Wie lange noch?
 Während im Bush-Amerika der letzten acht Jahre Superreiche Millionen abschöpften rutschte das unterste Bevölkerungssegment immer dramatischer ab: 35,9 Millionen leben nun bereits unter der Armutsgrenze, darunter 12,9 Millionen Kinder. Eine Rekordzahl von 47 Millionen haben keine Krankenversicherung. Und das alles inmitten verschwenderischem Überfluss: 45 Millionen Tonnen an Lebensmittel werden pro Jahr vergeudet. “Ich habe nur mehr ein Ziel”, sagt der erst 24-jährige, als Tischler ausgebildete Farbige Kwane Hynes: “Wie werde ich satt?” Einmal pro Woche holt er sich jetzt seine Essensgutscheine an der 14. Straße ab. Einen Block weiter kaufen betuchte Bewohner des schicken Manhattan-Viertels am Christkindl-Markt des Union Square in fröhlicher Advent-Atmosphäre letzte Geschenke ein.

Klar würde Hynes gerne wieder Arbeit finden, sagt er. Doch die Resignation ist ihm anzusehen: “Irgendwie habe ich aufgegeben”, gibt er zu. Dabei steht Amerika gerade am Anfang seiner schlimmsten Rezession seit der Great Depression: Die Arbeitslosigkeit schoss zuletzt auf 6,9 Prozent. Besonders krass ist der Absturz der Finanzmetropole New York: “Die Lage mit den Homeless hat sich extrem verschärft”, erzählt Reverend Kate Dunn (42) in der prächtigen “Presbyterian Church”. Im Keller betreibt die Kirche eine Obdachlosenunterkunft für zwölf ältere Männer, erklärt Dunn. Wer es hierher schafft kann sich in der Szene der insgesamt 36.000 New Yorker Homeless, davon über 10.000 Kids, glücklich schätzen: Saubere Betten, je ein Metallspind für die wenigen Habseligkeiten, Freiwillige, die sich rührend um die Verlierer des Kapitalismus der US-Prägung kümmern. “Ich hoffe”, blickt Dunn in die Bettenreihe und beginnt zu philosophieren, “dass durch diese Krise die Fairness unseres ganzen Wirtschaftssystems hinterfragt wird”. Die Kirche hat insgesamt eine rebellische Ader: Vier Jahr lang prozessierten sie für das Recht, dass Homeless auf den Kirchenstufen schlafen dürfen. Mit dem Gotteshaus direkt an Amerikas elegantester Einkaufsmeile der “Fifth Avenue” in Midtwon Manhattan – mit Luxus-Läden von Louis Vuitton bis Prada – war das Bild zerzauster Obdachloser den Behörden ein Dorn im Auge.

Vor dem “Food Stamp”-Amt berichtet inzwischen ein 36-Jähriger Homeless über den täglichen Überlebenskampf. Die Kapuze seiner Winterjacke hat er tief ins Gesicht gezogen. Eisiger Wind pfeift vom Hudson-Fluss, es hat – 5 º C. John Smith sei sein Name, sagt er. Sicher erfunden, er leidet offensichtlich am Verfolgungswahn. Es sei “ein Skandal”, wie in dem Ausgabeamt die Menschen schikaniert würden, beschwert er sich. Dennoch: Ohne die 178 Dollar pro Monat würde er wahrscheinlich “verhungern”, wie er zugibt. Dann dreht es sich nervös um: “Ich muss gehen – niemand darf mich sehen, dass ich mit dir rede…”