Print Friendly, PDF & Email

Klar war das Getöse um den Newcomer Barack Obama bereits mächtig groß gewesen. Doch so richtig kapiert habe ich die Story erst, als ich wenige Tage vor dem Neujahr 2008 in einer Turnhalle der Kleinstadt Carolville, Iowa, stand – und Obama zum ersten Mal „live“ erlebe. Beim Auflaufen einer Gänsehaut wird sofort klar: Etwas besonders passiert hier, etwas einzigartiges, vielleicht der Beginn der größten Sensationsgeschichte der US-Politik. Ich bin gleich derart beeindruckt, dass ich bei der Rückfahrt mit meinem Wagen von der eisglatten Straße in den Graben schlittere. Damals ist natürlich noch nicht wirklich abzusehen: Schafft der Außenseiter mehr als ein paar Überraschungserfolge á la Iowa? Gelingt es ihm wirklich, die Clinton-Maschinerie zu bezwingen? Überzeugt er die Amerikaner, ihn als ersten Afroamerikaner bis ins Oval Office vorzulassen? Als unerfahrenen Jungsenator von Illinois, mit den sperrigen Namen Barack Hussein Obama?


Obama-Feier im Grant-Park: „Tränen im Rasen“

Die Story dominierte natürlich in allen Facetten das Jahr 2008. Und es war nicht immer einfach für Obama, wie auch seinen Fans, zu denen – und das ist ja kein echtes Geheimnis – ich recht rasch gehörte. Exakt fünf Monate lang, vom ersten Wahlabend in Iowa bis zum letzten in Montana: Endlose Stunden mit MSNBC und ohnmächtigem Zittern bei der Auszählung, das andauernde Reloaden der Website von Politico.com für Detailergebnisse, das bange Skype-Chatten bis spät in die Nacht mit meinem Freund und fellow Obama-Fan Richie in Kalifornien. Was für ein Rollercoaster: Hillarys Comeback in New Hampshire; Bills Attacken, als er Obama zum Schwarzenführer á la Jesse Jackson machen wollte; das große Unentschieden im Thriller des Super Tuesday; die Tiraden des Hasspredigers Jeremiah Wright; Hillarys Schleudern des kompletten Kitchen Sinks. Und dann Woche um Woche, wo sie sich gegen die abzeichnende Niederlage mit fast Bush-würdigem Realitätsverlust stremmte – bis zu den letzten Rundfahrten im Pick-up-Truck durch das tropische Puerto Rico.

Symptomatisch für das zum Ende sinnlose, trotzige Theater schien dann Hillarys Moment der bitteren Niederlage am 3. Juni 2008: Sie sperrte Fans und Weltpresse in einen Keller ohne Handy- und Internet-Empfang – und ließ sich von Terry McAuliffe als nächste Präsidentin ansagen, obwohl die TV-Networks Obama längst zum Sieger ausgerufen hatten.

Verglichen mit dem Hillary-Thriller schien Obamas Schlacht gegen den greisen Republikaner-„Maverick“ John McCain fast wie ein Spaziergang. Auch wenn mir ebenfalls recht bange Momente in Erinnerung blieben. Wenige Stunden nachdem sich Obama mit seiner Traumrede vor 85.000 in Denvers Footballstadium „Invesco Field“ auf Oval-Office-Kurs gebracht zu haben schien, konterte McCain mit Sarah Palin als Vizewahl. Sicher, die in eine $150.000 teuere Garaderobe gesteckte, in Interviews herumstotternde, Afrika für einen Staat haltende, vom Religionswahn befallene Supermom aus den eisigen Tiefen der Alaska-Provinz war letztendlich ein Klotz am Bein des Haudegens. Doch der anfängliche Palin-Hype schien Obama kurzfristig um vor allem Frauenstimmen zu bringen. Das waren bitter Tage. Mit Obama in den Polls deutlich hinter McCain zurückgefallen, dominierten recht ernsthafte Gespräche den Bauernebel-Haushalt: Was wenn auf die endlosen, zermürbenden 8 Bush-Jahre 4 weiter McCain-Jahre folgen?

Doch dann ging Lehman pleite und die Finanzwelt rasselte in den Abgrund mit einer Vehemenz, die tägliche Panikattacken auslöste. Und McCain tölpelte herum, dass selbst der zerzauste Bush – dessen Erbe der Verheerung mit dem Einsturz seines „Eigentümergesellschaft“-Finanzkartenhauses nun komplett und total war – wie ein Profi wirkte.

Obama blieb cool. Und am 4. November war es dann soweit: Um 21:58 Uhr erschien auf der Videoleinwand im Chicagoer Grant Park vor 350.000 Fans Obamas Portrait, darunter der Schriftzug „President-elect“. Menschen knieten, fast schockiert, im Rasen, heulten unkontrolliert, getroffen von der Wucht der Geschichte. Zehn Monate an Anspannung entladen sich auch bei mir in Minuten eines Gefühls kompletter Überwältigung, ein Moment, den ich mein ganzes Leben nicht vergessen werde: Als ich wie in Zeitlupe in die Gesichter dieser überglücklichen, jungen Multikulti-Generation starre, stockend mit Estee in New York telefonierte, sie mir erzählte, dass Max noch auf ist und sich gebannt die Übertragung ansieht.

Obamas Start wird am 20. Jänner 2009 nicht leicht, keine Frage. Doch immerhin: Amerika hat 2008 mit seiner Wahl die komplette Kehrtwende geschafft – und seine zentrale Rolle in der Zukunft der Menschheit bewahrte.