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Change kommt am Dienstag nach Washington, so viel ist klar. Allein der Abgang des Tölpel-in-Chief George W. Bush samt seiner inkompetenten, kriegslüsternden und das nationale Familiensilber verzockenden Bande ist wahrlich eine fundamentale Veränderung. Mit seiner wirren, ja fast irren Bye-Bye-Pressekonferenz hat Bush nochmals eindrucksvoll zur Schau gestellt, das ca. 295 Millionen Amerikaner ein besseres intellektuelles Rüstzeug gehabt hätten, die Supermacht die letzten acht Jahren zu führen. Begleitet von einer Orgie dämlicher Grimassen verteidigte Bush seine Ära derart gespenstisch, dass es kaum vorstellbar scheint, dass wir diesen Irrsinn tatsächlich ACHT Jahre lang ertragen haben.

Katrina? Na, da waren die Helfer wirklich schnell! Irak? Ja, den Banner “Mission Accomplished” hätte niemand aufhängen sollen und das Ausgraben von wenigstens ein paar WMDs sich auch ganz gut gemacht. Und der Kollaps der Wirtschaft? Da sei ihm die Bürde als Präsident schon recht klar geworden, als er Billionen an Steuermittel an die Wall-Street-Gambler überwies. Donnerstags Abends hält er auch noch ein TV-Rede. In Primetime. Unpopulärer als Nixon Stunden vor seinem Watergate-Rücktritt. Meine Theorie: Er plädiert mit den bizarren Zuckungen zum Abschied auf Unzurechnungsfähigkeit – um künftiger, möglicher Strafverfolgung vorzubeugen.

Ein besserer Präsident zu sein, ist für Obama bei dieser Ausgangslage kein Problem. Selbst eine durchschnittliche Performance würde in der Post-Bush-Ära als Triumph, selbst der schlechteste Minister als Nobelpreisträger wirken. Doch die Latte liegt für Obama weit, weit höher: Seine Fans erwarten sich wirklichen ”Change”, ein Ende von “Business as usual” in der korrupten, zynischem, festgefahrenen US-Kapitale. “Wenn er es nicht schafft”, überraschte mich meine Frau Estee kürzlich beim Lunch, “habe ich wohl mein Interesse an der Politik für immer verloren”. Die Erinnerungen an den Moment, als um 23 Uhr am 4. November Sohn Max vor dem TV hing, und fasziniert die Siegesfeier im Chicagoer Grant Park verfolgte, muss was bedeutet haben, sagt sie. Stimmt: Warum habe ich selbst – abgebrüht nach Jahren politischer Berichterstattung aus den USA – ein ganzes Jahr bei jeder mickrigsten Vorwahl gezittert, war happy, wenn Obama in den Umfragen führte, deprimiert wenn er zurücklag. Er erscheint als letzte Hoffnung, in Amerika das Steuer herumreißen zu können. Deshalb ging eine ganze Generation für ihn von Tür zu Tür, schickte Spenden und Massenmails, überzeugten ihre Eltern.

Vielleicht sollte Obama jeden Tag im Oval Office gleich in der Früh ein paar Minuten an Videoaufzeichnungen seiner Fans im Wahlkampf betrachten: Die Hoffnung, die Euphorie, die Aufbruchstimmung.


85.000 Fans beim Obama-Parteitag in Denver

Dass er in der Übergangsphase bisher ein recht pragmatisches Team voller alter (Clinton)-Haudegen um sich scharte, den Republikanern mit Steuersenkungen die Hand entgegenstreckt, selbst um Sympathie bei den Evangelikalen-Fundis mit der Einladung Rick Warrens als Inaugurations-Segner keilt, jüngst an einem Tag mehr Zeit mit rechten Kolumnisten verbrachte als Bush mit linken in acht Jahren – das alles kann als Technik verstanden werden, den Boden zur Durchsetzung seiner Change-Agenda aufzubereiten. Mit 71 % erfreut er sich laut NBC/WSJ-Umfrage tatsächlich enorm hoher Popularität. „Präsidenten verändern nicht Washington, Washington verändert die Präsidenten“, heiß es. Genau diese politischen Faustregel muss Obama auf den Kopf stellen. Es ist zu wenig, ein guter, doch “normaler” Präsident zu werden. Eine ganze Generation würde dann tatsächlich die Politik amerikanischer Prägung nur mehr mit Zynismus begegnen.