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Washington liegt Stunden vor der Angelobung im Freudentaumel. Es ist wohl das größte Massensightseeing in der Geschichte der US-Hauptstadt: Keinerlei Auftritte waren am Montag im Zentrum vorgesehen – gekommen sind weit über 100.000 Menschen. Die „National Mall“ (Bild unten), jene kilometerlange Freifläche zwischen Kongress und Lincoln Memorial ist fast so voll wie beim Rockfest am Vortag. Die Massen bestaunen die Monumente, die am „I-Day“ eine zentrale Rolle spielen: Das Kapitol (Angelobung), die Pennsylvania Avenue (Parade), White House (O rein, Bush raus!). An Bauwerken hängen die bekannten Obama-Slogans: Ein mehrere Stockwerke langes Transparent, “Change we can believe in”, verdeckt fast vollständig ein Bürogebäude. „Ministry for Change we Can believe in“, gar keine schlechte Idee eigentlich.

Einige Fans testen sogar die Kloanlagen. Es sind vor allem Schwarze, die eine erste Aufwärmrunde drehen für den Tag, den keiner von ihnen in ihrer Lebensspanne jemals für möglich gehalten hätte. Sie drängen sich zu Gruppenfotos zusammen, marschieren als wandelnde Ausstellungsstücke für das lukrative Obama-Merchandising herum. Vor allem die völlig überlaufenen U-Bahnstationen werden von Händlern belagert: Buttons, T-Shirts, Fahnen, “Yes we can”-Schilder, Wollmützen. Die Preise: Saftig. Ganz tot ist der Kapitalismus in Amerika noch nicht. Nur nach Bush-Devotionalien sucht man vergeblich.

Ein unglaubliche Fröhlichkeit liegt in der Luft – und eine Freundlichkeit, wie ich sie seit New York in den Wochen nach 9/11 nicht mehr erlebt habe. Gleich fünf Leute erklären mir in aller Detailtreue den Weg zur nächsten Metro. Die enormen Sicherheitsmaßnahmen dominieren das Straßenbild: Das Areal rund um das Kapitol wurde in ein Labyrinth aus stählernen Absperrgittern durchzogen. Tisha King (39) hat sich geduldig angestellt, um sich eines der 240.000 vergebenen Tickets abzuholen: Sie redet, was für ein gewaltiger Meilenstein der Obama-Tag sei vor allem für ihre beiden Töchter, eine fünf Jahre alt, die zweite 16. Doch so wirklich fassungslos ist ihr Großvater, der gerade 100 Jahre alt geworden ist: “Der hat ja alles gesehen, die Plantagen, die Straßenmärsche, die Gewalt, die Verzweiflung”.

Hank Eteuwen, eine rosagesichtiger, bärtiger Mitsechziger aus Cape Cod sieht die Suche weniger emotionsbeladen: „Allein das Bush geht ist schon ein Triumph für die Menschheit“.