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10 Uhr: Es herrscht totale Hochspannung vor dem Kapitol. Fast drei Stunden habe ich mich mit den Menschenstrom in einer wirren Schlangenlinie durch dutzende Gebäudeblocks gewälzt. Es hat sich ausgezahlt: Ich bin mitten im VIP-Sektor, bloß 200 Meter vom Rednerpult vor dem säulenüberhäuften Kuppelbaus entfernt. In der National Mal darunter glitzert ein bis an den Horizont reichendes Menschenmeer in der Wintersonne. Millionen haben der brutalen Winterkälte mit Temperaturen von – 7 º C getrotzt. Eine “See der Menschlichkeit”, staunt eine Besucher. Poetische Fans hat Obama.


Happy Halle…

10:30 Uhr: Die Hollywood-Stars fallen ein: Jamie Foxx zwängt sich durch die Menge, Halle Berry sitzt bloß zwei Meter von mir entfernt. Sie stellt sich hin zum Erinnerungsfoto, Wollmütze, große Sonnenbrillen, warme Ugg-Boots. “Es ist ein großer Tag”, erzählt sie mir. Jetzt hat die Menge auch Tom Hanks und Wonderwoman gesichtet.

10:41 Uhr: Erstmals braust der Jubel aus dem Millionenheer so richtig auf. Barack Obamas Wagenkolonne nähert sich dem Kapitol. Auf 50 elektronischen Großleinwand-Tafeln wird das Jahrhundertereignis für die Massen übertragen. Wegen der kilometerlangen Distanzen hallt zeitverzögerter Sound durch die Stadt. Selbst der Schall braucht eine Weile bis er die Fans in der letzten Reihe erreicht. Ein Schwarzer filmt sich selbst mit einer Video-Kamera: “Hier bin ich bei der Inauguration von Obama – Amerikas stolzester Moment”.

11:01 Uhr: “Michelle! Michelle!”, begrüßen die Fans die am Schirm erscheinende, in Glitzergold gehüllte First Lady. “Oh mein Gott! Sie ist wunderschön”, kreischen ein paar rundliche Frauen. Obama sei der charismatischsten Politiker, den sie in ihrem ganzen Leben gesehen hat”, erzählt mir die 63-jährige Pensionistin Leni Eccels, die per dreitägiger Zugreise aus Kalifornien anreiste. “Standby for Change”, ruft einer. Gelächter.

11:40: Der abdankende George W. Bush wird abgekündigt. “Schaltet die Klatschmaschine an”, ätzt jemand. Unten buhen Hunderttausende. In diesem Moment manifestiert sich: Amerika hat Bush wirklich hassen gelernt! Den Stars und Helfern ist der rohe Emotionsausbruch fast peinlich: Viele stehen auf und klatschen – doch nur aus Höflichkeit.

11:44 Uhr: Der sehnliche Wunsch der Massen, vorgetragen mit wiederkehrenden “Obama! Obama!”-Sprechchören, ist endlich erfüllt: Mit auffällig angespannten Gesicht ist Obama am Screen zu sehen. “Hier ist er, hier ist er!”, grölen die Fans.

12:05 Uhr: Obama hebt die Hand zum Schwur. Tränen kullern den meisten über die Wangen, viele umarmen sich, andere schütteln nur stumm den Kopf. “Es ist vollbracht”, ruft einer.

12:08 Uhr: Gebannt und voller Rührung hängen jetzt Hunderttausende an Obamas Worten der Hoffnung. “Das ist ein Neustart”, flüstert Pensionistin Eccels: “Gerade im letzten Moment”.


Bushs Nixon-Moment

13 Uhr: Hinter dem Kapitol startet Bush mit dem Präsidenten-Helikopter “Excecutive One”. Es ist fast ein Nixon-Moment: Noch einmal aufsalutieren – und der Hubschrauber trägt ihn fort. “Bye, bye! See ya!”, rufen die an den Zäunen hängen Menschen: “Komm nicht wieder!”