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Die Eindrücke aus Washington hallen selbst eine Woche nach Obamas Inauguration im Kopf nach: Die erfrorenen, doch glücklichen Gesichter der Fans in der National Mall, von denen einige seit 4 Uhr früh ausharrten. Die Freude und Erleichterung Tausender, die am Zaun hingen als der Präsidenten-Helikopter “Executive One” den verhassten Bush forttrug. Die Verabschiedung einer Frau von einem Bekannten in der U-Bahn: “Danke, dass du mitgeholfen hast, diesen Tag möglich zu machen” (der Mann war einer von Obamas Top-Militärberatern, wie sie mir später erzählte). Und dann natürlich die TV-Bilder, als sich die Obamas in prächtiger Ballmontur wie Frischverliebte aneinander schmiegten – und Beyoncé mit Tränen in den Augen den Etta-James-Klassiker “At Last” sereneierte. Estee war gleich so gerührt, dass sie dutzende vom Massenauflauf an Musikstars vorgetragenen Songs downloadete.


Bush hebt ab: „Bye, bye…“

Und für mich war es fast ein Schock, als ich – wegen der Rückreise nach New York – erst am Folgetag die TV-Bilder der Ballnacht sah. Was für ein Change! Ein junges Präsidenten-Traumpaar, praktisch alle Weltstars aus Musik- und Filmbranche versammelt, ein kreatives Potential, dass es an keinem Flecken dieser Welt auch nur annähernd gibt. Aufbruchstimmung und Rührung über diesen historischen Moment. Und Stolz, in einem Land zu leben, wo es ein Kid eines Gastes aus Kenia und einer Mutter aus Kansas, aufgewachsen in Hawaii und Jakarta, ohne vererbtem Vermögen oder Familien-Connections einer bestehenden Politdynastie bis ins White House schaffen kann. Mit dem Namen Barack Hussein Obama.

“Nur hier ist meine Story möglich”, hatte Obama im Wahlkampf gesagt. Und recht hat er. Die Welt kichert gerne über Kuriositäten des US-Wahlsystems: Über den Caucus in Iowa etwa, wo sich weiße, bärtige Farmer mit karierten Hemden in Rathäusren zur Abstimmung in verschiedenen Ecken zusammenrotten. Oder über die Flut an Spenden, die Wahlkämpfe “korrumpiere”. Nur im Fall Obama klappte es umgekehrt: Nur in den eisigen Wintertagen hatte der Outsider im “Nahkampf” die Chance, Bürger zu überzeugen und die Favoritin des Parteiestablishments, Hillary, auszuhebeln. Und nur mit den Schecks einfacher, von Obamas Ruf nach Change bewegter Leute, am Ende 700 Millionen Dollar davon, schaffte er die größte Politsensation der Menschheitsgeschichte.

Nun beginnt eine neue Ära, “unsere Ära”! Erinnert wurde ich schließlich nach endlos scheinenden, 2.920 Tagen an verheerendem Bush-Dilettantismus, warum ich 1999 so begeistert nach Amerika zog: Zurück sind der Optimismus, die Visionen, die Hoffnung. Vom „Promise Americas“ redet Obama, und Zyniker vor allem in Europa verkrümmen sich wohl. Doch wie eine Welt ohne, oder zerstörerische US-Leadership aussieht, haben wir gerade erlebt.

Trotz dem von Bush hinterlassenen Trümmerhaufen dürfte Obama wieder auf die Mithilfe der Amerikaner zählen können, wie er sie ganz nach JFKs “Ask not what…”-Bürgermobilisierung in seiner Rede herbeihoffte. Das Umfeld bestimmt, wie viel der Einzelne an Extra zu geben bereit ist – und das war in den letzten Jahren sicher nicht viel: Mit einer Bande von Kriegstreibern und Lügnern im Oval Office samt Idioten á la Katrina-”Brownie” in Schlüsselpositionen, für eine solche Regierung wird sich kaum jemand ins Zeug legen. Und mit CEOs in den Chefetagen, die sich mit rücksichtslosem Millionenscheffeln nur um ihre persönliche Zukunft sorgen und Mitarbeiter feuern, um Wall-Street-Zocker happy zu machen, für solche Firmen wird sich auch kaum wer verausgaben. Deshalb können Obamas Versprechen tatsächlich ein Welle an Mithilfe beim “Wiederaufbau Amerikas” bringen: Die Regierung soll wieder Kompetenz zeigen, von den besten Köpfen geführt werden. Und in Corporate America sollen alte, von den gierigen Yuppies der letzte Jahre so verlachten “Werte” einziehen: Ehrliches Wirtschaften, gutes Service für Konsumenten, ordentliche Buchführung und angemessene Entlohnung seiner Mitarbeiter. Idealismus steckt in jedem Menschen. Man darf sich nur nicht übers Ohr gehaut fühlen.