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“Werft sie ins Gefängnis”, platzte Vize Joe Biden der Kragen. “Eine Schande”, tobte Präsident Obama. Lange kochte ja die Volkswut so vor sich hin, als Steuerdollar in astronomischen Summen in Banken gepumpt wurden, deren gierige Finanzjongleure die Weltwirtschaft verheerten wie seit den 30igern nicht mehr. Doch als bekannt wurde, dass sie sich inmitten der Finanz-Tsunami, dem Absacken der US-Wirtschaft um 3,8 % und 500.000 Gefeuerten pro Monat $18,4 Mrd. an Bonuszahlungen mit lautem “Ho! Ho! Ho!” unter den Weihnachtsbaum legten, ist das Fass jetzt offiziell übergelaufen. Dabei haben sie noch Glück, dass die Menschheit mit derartigem Zynismus, Arroganz und Selbstbereicherung zivilisierter umgeht als noch zu Zeiten der Französischen Revolution. Sonst würde das orange Licht vom Fackelzug eines Bürgermobs das Säulengebäude des NYSE an der Wall Street erleuchten.


Obama zürnt: „Tiefes Loch gegraben“.

Offenbar hat der Realitätsverlust in Manhattans Bankertürmen totale Dimensionen erreicht: Merrill-Lynch-CEO John Thain ließ sich einen Teppich um $83.000 in sein renoviertes Büro nach der Übernahme durch die BofA legen, wählte dazu eine schicke “Commode on Legs” um 35.000 Dollar aus. Es sind die berühmtesten Einrichtungsgegenstände seit Ex-Tyco-Boss Dennis Kozlowskis Duschvorhängen um $6.000. Während dem $1,2 Millionen teuren Dekorierens, zog seine Investmentbank mit $15 Mrd. Verlust den neuen Eigentümer in die Tiefe. Genau am Tag bevor der Merger offiziell und strikte Regeln über Kompensationen schlagend wurden, schüttete Thain $4 Mrd. an seine treuen Mitarbeiter aus. BofA holte sich dann kürzlich weitere $25 Mrd. beim Staat ab. Never Mind.

Citibank, ein weiters Kronjuwel des tollkühnen Bankertums am Hudson, wollte sich da gerade eine neuen Learjet zustellen lassen. Kosten: $50 Mio. Never, never mind. Soll Citi-Chef Vikram Pandit etwa Business Class fliegen oder mit dem Zug nach D.C. zum Abholen des Zuschusses von $45 Mrd. fahren? Wall Street verteidigt sich, dass der vorweihnachtliche Geldsegen ohnehin um 44 % niedriger als im Vorjahr ausfiel. Und dass sie nur mit den üppigen Bonuszahlungen ihre “Top-Talente” behalten können. Talente! Kaum zu glauben: Genau dieses Wort fiel. Wenn diese „Talente“ in einem Jahr an die zehn Billionen Dollar vernichten – was wäre dann erst Tölpeln zuzutrauen?

Doch wie immer: Hochmut kommt vor dem Fall. Denn die Abgehobenheit des Finanzadels wird nun zum gewaltigen Eigentor: Die “Feds” ermitteln bereits gegen Merrill und BofA, Citi ebenso. Und in dieser Branche werden „Gesetze“ wohl so freizügig ausgelegt, dass es bloß dem Start einer Untersuchung bedarf, um Anklagepunkte gegen die Bosse zu finden. Remember Bernie Ebbers? Oder noch schlimmer: Thain könnte gezwungen werden, die Milliarden zurückzuzahlen. Vielleicht ist auch deshalb die Stimmung jetzt so mies: Missverstanden von der Öffentlichkeit beendet das bloß Erwähnen des Berufsstandes fast automatisch den Flirt an der Bar. Und die Girls, die sich zu den Glanzzeiten der Branche bezierzen ließen, leiden nun derart unter ihren gestressten Wallstreetwracks, dass sie sich zu Selbsthilfegruppen zusammenschließen. Eine Gruppe, so die NYT nennt sich Daba-Girls, “Dating a Banker Anonymous”.