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Das war noch ein tolles Erlebnis, als wir 1999 nach der New-York-Übersiedlung den Fernseher aufdrehten: Da landete der 16-Jährige mit seinem Hubschrauber im Suburb. “Wie oft habe ich dir gesagt, du sollst den Helikopter nicht am Rasen parken”, zürnte Dad. Das Kid beteuerte, gerade mal eben seine Freundin nach Haus geflogen zu haben. Natürlich: Der Teenager handelte Aktien auf einem der neuen, coolen Online-Brokerdienste und scheffelte Millionen. Und dann gab es den abgesandelten “Mall Santa”, der nach dem Jobverlust in der Gosse landete und über die guten alten Zeiten reminiszierte, wo Menschen noch in der wirklichen Welt des Shoppings Centers ihre Einkäufe tätigten und nicht via Amazon.com. Wir wissen natürlich, wie alles mit dem Platzen des Internet-Bubbles ausging: Doch immerhin waren die Werbungen witzig.


Billy Mays: „Mighty Putty…“

Jetzt in der Mega-Rezession sind diese schlicht unaushaltbar: Die Hälfte der Werbeblöcke bestreitet inzwischen der brüllende Billy Mays. Der Mann ist ein Phänomen: Selbst die endlosen Sekunden vom ersten geschrieenen Wort des vollbärtigen TV-Sales-Man der Nation bis zum Griff nach der Fernbedienung zum Drücken der “Mute”-Taste hinterlassen tiefe Gravuren in der Gehirnrinde. Billy verkauft Heckenscheren (“Awesome Auger”), Bleichmittel (“Oxiclean”), Messerschärfer (“Samurai Shark”). Und leider vieles mehr.

Die Rezession wird hier offensichtlich: Coolen Firmen ist zur Bewerbung cooler Produkte wohl die Kohle ausgegangen. Billy Mays und seine Billigprodukte sind in Zeiten des Wirtschaftskollapses wie die weiterlebenden Kakerlaken nach dem Nuklear-Armageddon. Und im US-TV sind verglichen mit Europa bekanntlich die Werbeblöcke häufig und endlos: “Independence Day” dauert auf TBS drei Stunden. Dabei hat Billy Mays soviel zu sagen wie Will Smith bei der Außerirdischenjagd. Um das nicht unerträglich zu finden, muss man wohl in Amerika geboren sein. Ich werde Ami-Sohn Maxwell mal später fragen, ob das stimmt. Obwohl der eigentlich längst sein gesamtes Unterhaltungsprogramm via Internet bezieht.

Auch die Palette feilgebotener Produkte lässt auf ökonomische Total-Tristesse schließen: Da gibt es etwa das Gerät, das Einwegrasierer nachschärft (eigentlich gar keine schlechte Idee, nachdem die tatsächlich sauteuer sind). Dann sitzt eine fröhliche Mittelklasse-Familie auf der Couch und hat eine Decke mit eingebauten Ärmel übergeworfen: Derart praktisch gekleidet lässt es sich auch bei 12 º C in der unbeheizten Wohnung gut aushalten. Dazu wurde wohl beschlossen, dass während der neuen Depression kein Produkt mehr als $19.95 kosten darf: Eine Messerset mit 25 Utensilien mit einem “Marktwert” von 800 Dollar? Never mind: $19.95!

Rettung vom Kabel-TV-Crap bieten nur mehr Internet-Alternativem: Über Hulu.com etwa stehen Movies und TV-Serien zum Stream bereit, zwar mit Werbeblöcken, doch pro Film maximal fünf und die nur zwischen 15 und 30 Sekunden lang. Und ohne Billy Mays. Noch.