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Man muss Amerika lieben für das: Stunden nachdem Barack Obama die Nation mit seiner mitreißenden Kongress-Rede aufrichtete, lief ich in Midtown an einer mit Kreide beschriebenen Tafel vorbei. “We will recover! We will rebuild! The day of reckoning has arrived”, standen da Obamas Durchhalteparolen. Und schließlich: “Finally Flowers that last!” Das ganze war eine spontan improvisierte Reklame eines Blumenladens. Immerhin ist es ein Zeichen, dass Amerikas legendärer entrepreneurischer Geist trotz Wirtschaftsarmageddon nicht ganz tot ist. Und mit Werbungmachen sind sie sowieso große Klasse: Ich erinnere mich noch gut, als bei einer meiner ersten Dienstreisen bei Hillarys “Listening Tour” in 1999 ein Gruppe fanatischer Abtreibungsgegner mit zornigen Grimassen dastanden und mit den wüstesten Plakaten herumfuchtelten – und ein freundlich lächelnder Vollbärtiger mit einer Tafel mitten drinnen stand: “Beste Schilder zum günstigsten Preis”. Er hatte die TV-Kameras des mitreisenden Reportertrosses zur Gratiswerbung ausgenützt.

Obama jedenfalls zieht sein Programm zum totalen Umkrempeln der Supermacht mit vollem Tempo durch. Fast lächerlich klingt angesichts der Lawine an Monumentalankündigungen das frühere Herumnörgeln seiner Fans, dass durch das Einberufen alter D.C.-Hasen, darunter viele Korriphäen aus der Clinton-Ära, der “Change” zu kurz komme. “Der kommt von mir”, hatte Obama damals beruhigt. Und sein Wort gehalten. Denn jetzt rührt er tatsächlich kräftig um, knallt einem Kongress, der es in den letzten Jahren gerade mal schaffte, die Sommerzeit um einen Monat zu verlängern, täglich die USA revolutionierende Reformprojekte auf den Tisch. Nach der Vorlage seines 3,6-Billionen-Dollar-Budgets sind nun die letzten Zweifel beseitigt: “He means business”, darunter Steuererhöhungen für die Reichen, Krankenversicherung für alle, ein Cap-and-Trade-System, in dem klimakillende Energieträger indirekt besteuert werden, strikte Regeln für die Wall Street.

Es sind die “größten Umschichtungen”, so die New York Times, seit Ronald Reagan die Ära des entfesselten Turbokapitalismus in den Achtzigen lostrat – der nun natürlich in einem ökonomischen Frontalunfall endete. Jetzt lässt Obama das Pendel kräftig in die Gegenrichtung schwingen: Auch wenn er nur die Hälfte durchbringt, dürften die USA in einigen Jahren mehr an Westeuropa erinnern als vielleicht jemals zuvor. Kein Wunder, dass die Rechten die volle Panik erfasste.

Obama hat jetzt klar bewiesen, dass Change für ihn kein hohler Wahlkampfslogan war. Und er weiß: Now ist the time! Nur eine Megakrise bietet die Chance zum totalen Kurswechsel, lehrt die Geschichte. Den Kongress hat er zum Durchboxen der wichtigsten Reformen ebenfalls hinter sich. Und Obama wird dazu mit seinem coolen, besonnenen, kompetenten Stil immer mehr zur Nationalen Inspiration. Wie der Blumenhändler in Midtown bewies.