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Bernard Madoff, 70, Ex-Wallstreet-Guru und Milliardenbetrüger: 13.500 Opfer, bis zu $64 Mrd. Schaden. Das größte Pyramidenspiel der Menschheitsgeschichte. Es ist 7.05 Uhr. Donnerstag morgen, und “Bernie”, wie er sich in besseren Zeiten nennen ließ, ist am Weg zum Gerichtsgebäude. Judgement Day in New York: Er will sich schuldig bekennen, hieß es, erstmals muss er seinen Opfern entgegentreten. Es sind seine, wie sich zeigen wird, letzten Stunden in Freiheit. Vielleicht timed er die Fahrt im silbergrauen SUV gerade deshalb zur Primetime des US-Frühstücksfernsehens.


Medieninferno vor dem Gerichtsgebäude: Guilty!

Helikopter verfolgen den Wagen den “FDR Drive” hinunter, Manhattans Stadtautobahn entlang des East River. Achzigjährige müssen jetzt bei McDonald´s Tische wischen, weil das Finanzgenie Bernie ihre Ersparnisse verzockte – jetzt bietet er der Nation wenigstens gutes Live-TV-Drama. Als ich vor Beginn des Prozesses um 10 Uhr zum Gerichtsgebäude hetzte, sehe ich beim benachbarten New Yorker Justizpalast eine Menschentraube mit vielen Kameras davor. “Klasse! Berne-Opfer”, denke ich mir: Gute Chance, sie zu interviewen. Ich will gerade die Stufen raufsprinten, als mich jemand an der Jacke zieht: “Sind Sie einer der Statisten?” Nein, Reporter stammle ich und überreiße endlich: Oh dear, hier wird ein Film gedreht. New York als Filmkulisse kommt wegen dem Madoff-Drama natürlich keineswegs zum Stillstand.

Die Phalanx an TV-Reportern und die Kolonne geparkter Ü-Wagen in einer Nebenstraße hinter dem “Daniel Patrick Moynihan”-Bundesgerichtsgebäude, 500 Pearl Street, weist den weg zum Real-Live-Gerichtsdrama: New York ist natürlich nicht nur Film- sondern auch Medien-Metropole. Und niemand ist heute im Büro geblieben. Dazu knattern über dem Schauplatz vier TV-Helikopter. Ich gehe durch die Security-Schleuse, fahre in den 24. Stock. “Sorry”, werde ich gleich vor der Lifttüre abgefangen: “Es ist alles voll – wir übertragen das ganze im Überfüllungsraum im Erdgeschoß”. Nice try.

Dort haben sich dann tatsächlich hunderte Reporter, Anwälte und Opfer vor einem Videoschirm versammelt. Zu sehen sind die gespenstischen Bilder aus dem Gerichtssaal: Bernie erklärt gerade, wie er den Jahrhundertbetrug durchführte. Er redet wie ein Mafioso aus einer Soprano-Folge. Kaum zu glauben, wie er so Milliarden lukrierte. Er entschuldigt sich. Es gibt elf Anklagepunkte. Elf mal sagt er “Guilty”. Die ersten Opfer dürfen zu Wort kommen. Sie haben lange auf diesem Moment gewartet. Der erste ist Mr. Nuremberg”. Mit einem Familiennamen wie der Ort des legendären Nazikriegsverbrechertribunals scheint seine Wahl perfekt. Er verlässt das Rednerpult, geht auf Madoff zu: “Haben sie sich mal umgedreht, und ihren Opfern in die Augen gesehen?” Der Richter herrscht ihn an, zum Podium zurückzukehren. Ein Raunen geht durch den Saal.

Madoffs Anwalt macht einen letzten Versuch, seinen Mandanten zumindest bis zur Verkündigung des Strafausmaßes am 16. Juni noch den Aufenthalt im ergaunerten $8-Mio-Penthouse an der Upper Eastside zu ermöglichen. Als er ausführt, dass Madoffs Frau Ruth “von ihrem eigenen Geld” eine Sicherheitsfirma beauftragte, setzt es verächtliches Gelächter. “Ihr eigenes Geld?”, fragt eine Beobachterin empört neben mir. Es nützt nichts, der Richter lehnt ab, die Handschellen klicken, Madoff, der wegen der Volkswut zu allen Gerichtsterminen eine kugelsichere Weste trug, wird durch einen unterirdischen Gang zum nahen Hochsicherheitsgefängnis überstellt. Draußen jagen TV-Reporter Madoff-Opfer, von denen einige bereits so berühmt sind wie damals die Hinterbliebenen des 9/11-Horrors. “Es ist vorbei”, ruft schließlich ein erschöpfter Cop: „Geht nach Hause“.