Print Friendly, PDF & Email

Die Volksseele kochte ja schon länger. Doch die Arroganz und Gier der Manager des Mega-Milliardengrabs der American International Group brachte endgültig das Fass zum überlaufen. Die sonst in Sachen instrumentalisierten Wall-Street-Beschiss recht geduldigen Amis könnten sich sehr bald in einen “Mistgabeln und Fackeln ergreifenden Mob” verwandeln, schrieb sogar der eher trockene NYT-Starkolumnist Thomas Friedman. “Not so fast you greedy bastards”, brachte es die NY Post auf den Punkt.


AIG-Zentrale in der Pine Street, Lower Manhattan

Ganz Kurz der Recap: Der Skandal kam ins Rollen, als aufflog, dass der mit $170 Mrd. vom Fed gerettete Gigant 418 Mitarbeitern Erfolgsprämien von insgesamt $160 Mio auszahlte. Damit nicht genug der Ironie: Die Boni flossen genau in jene Abteilung, die viele der jetzt geplatzten Zockereien der Blasenjahre “versicherte”. Sie machten AIG praktisch zu einer Institution zum Absaugen amerikanischer Steuerdollar – und unverzüglichem Weiterleiten an internationale Player des globalen Finanzroulettes. Dass Großbanken der bei Joe Sixpack besonders populären Deutschen und Franzosen je fast $12 Mrd. erhielten, führt zu extra guter Laune in der US-Provinz.

Ich wollte mir mal selbst ansehen, ob die Bürotürme der meistgehassten Firma Amerikas wirklich bereits von “speziellen Sicherheitskräften” bewacht werden, wie berichtet wurde. Allein der Marsch zu einer der AIG-Zentralen in der Pine Street ist ein Spießroutenlauf durch die Zone vor der Wall Street. Dort treten die ehemaligen “Master of the Universe” nach wie vor so forsch auf, marschieren zu schnell und geradlinig, dass es vielleicht der einzige Ort der Erde ist, wo man sogar von Frauen angerempelt wird. Die Stimmung ist trotz erstem Frühlings-Feel grimmig: Broker und Banker wirken grantig, aber auch die Bürger bei deren Anblick. Das Verhältnis scheint zerrüttet, vielleicht permanent.

Vor der AIG-Zentrale haben die Manager die AIG-Flagge vor dem Eingang des prächtigen Art-Deco-Baus abgehängt. Nur mehr der US-Banner weht. Die Mitarbeiter hetzten in den Eingang, einige halten fast ängstlich nach etwaiger Medienbelagerung oder möglicher Mobbildung Ausschau. Auch die Security-Guards wirken nervös. Als ich Fotos mache, kommen sie auf mich zu. Doch von einer Revolution ist noch keine Spur. Ich bin jedenfalls froh, jetzt endlich auch das Bild mit der Fahne in der Hochhausschlucht machen zu können, das seit Wochen in allen Variationen in den Blättern zu sehen ist.