Das Obama-Wirtschaftswunder? It’s the psychology, stupid!


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Ich habe das Magazin „Spiegel“ abonniert. Ist nicht billig. Aber ich studiere das Heft, um nicht deutsch zu verlernen und mich auch außerhalb der amerikanischen Medienoberflächlichkeit informieren zu können. Bloß: Wann komme ich zum Lesen? Zwei Kids, das Bangen über die Rezession, Zusatzjobs. Ich bin daher in meiner Spiegel-Zeitrechnung gerade Anfang Jänner angelangt. Und dort las ich so eine Art Vorschau auf 2009: Mann, das klang düster und apokalyptisch! Natürlich hat der Spiegel so seine Art, Dinge unverblümt und depressionsfördernd zu komprimieren.

Doch allein die Fakten: Ein freier Fall allerorten, ein Planet, der sich im eskalierenden Tempo in ein ökonomisches Armageddon schraubt. Besonders düster klangen die Prognosen für die USA: Der Motor der Weltwirtschaft, dessen ökonomische Fundamente auf Sand gebaut – Bürger wie Staat bis über den Kopf verschuldet. Wenig Spielraum, den von Experten verlangten “Schockstart” mit Staatsbillionen exekutieren zu können. So Experten unisono.

Fast witzig, aktuelle Magazine vier Monate nach ihrem Erscheinen zu lesen. Was für eine Kehrtwende, zumindest in diesem Land! Jetzt hagelt es bei jedem erdenklichen Indikator für den Zustand der Wirtschaft plötzlich ermutigende Zahlen. Die lassen selbst bei den gröbsten Pessimisten fast nur mehr einen Schluss zu: Die Talsohle ist durchschritten, eine Erholung ist in Sicht. Konsumentenausgaben sind up, Hauskäufe ebenso (nachdem die Preise nun wirklich auf einladende Werte stürzten). Der Bankenstress-Test, trotz Kritik über Akkuranz und Härte, deutet ebenso auf zumindest eine Stabilisierung der Finanzindustrie und das langsame Indengriffkriegen der Immo-Giftpapiere in ihren Bilanzen hin. Bei $75 Mrd. Finanzbedarf für zehn Banken, der noch dazu aus dem Privatsektor und nicht wie schon gewohnt aus der Staatskasse kommen wird, muss man fast nachfragen: Was? 75? Oder 750? Und dann ist auch noch eine Verlangsamung des Jobabbaus zu beobachten, dessen zermalmendes Rad sich in jeder Rezession immer am längsten dreht. 539.000 waren es im April, schlimm, doch weit weniger als im März. Die Kurve in die richtige Richtung ist nicht mehr zu erahnen, sondern deutlich zu sehen.

Ist die Kehrtwende tatsächlich in Sicht, landet Präsident Barack Obama vielleicht permanenten auf der Siegerstraße: Ein Mann mit kurzer Polit-Karriere, der die Supermacht in seiner bittersten und devastierendsten Stunde übernimmt und innerhalb weniger Monaten umdreht – den Bürgern zumindest genug Hoffnung gibt, ihre schlimmste ökonomische Herausforderung ca. neuneinhalb Jahre schneller als die Japaner mit ihrer “verlorene Dekade” zu meistern?

Am Inaugurationstag dachten 8 % der Amerikaner, ihr „Supermacht“-Tanker sei am richtigen Kurs – jetzt sind es wieder über 50 %. What a turn around! Freilich: Die Verheerung der USA durch Exzesse und Crash ist gewaltig, am deutlichsten illustriert durch die Zeltstädte neuer Heere an Homeless und sogar eine unheimliche Welle bizarrer Amokläufe. Doch auch in Wirtschaftsfragen geht es um Psychologie: Optimismus öffnet wieder Geldbörsen, begünstigt die Gründung von Firmen.

Doch Obamas weit größere Herausforderung wartet noch: Er muss sicherstellen, dass das alte wirtschaften aus Gier, Verantwortungslosigkeit und schnellen Profiten nach dem Ende der Rezession nicht einfach fortgesetzt wird. Obama hat versprochen, Exzesse in den Wall-Street-Casinos zu regulieren, das Sozialnetz zu stärken, alternative Energien zu fördern, das Klima zu schützen und eine neue Ethik in den Chefetagen zu forcieren. Change eben. Und daran wird er gemessen.

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