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Es war ein recht kurioser Zufall: Vor ein paar Tagen sah ich im TV (mangels an Alternativen dank dem US-Kabel-TVs mit 700 Kanälen, jedoch stets Replays aus 20 der populärsten Movies….) die 1992-Komödie “My Cousin Vinny”: Darin führt Mobster-Star Joe Pesci mitten in der US-Einöde einen Prozess und wird im örtlichen Motel stets um 5 Uhr früh von einem durchfahrenden Güterzug geweckt. Lucky him, denke ich mir, als ich letzte Woche anlässlich einer Dienstreise in einem Hotel in Greensboro, N.C., mich im Bett wälze. Hier kommen die Züge alle zehn Minuten und blasen die Hörner, dass der Fenstersims wackelt. (Sehr witzig: Zunächst dachte ich, fern der Kids mal durchschlafen zu können…) Offenbar liegt in der Nähe ein unbeschrankter Bahnübergang und Züge warnen ohrenbetäubend nahende Autofahrer. Nach der 20. Vorbeifahrt bin ich fast bereit, den Schranken persönlich zu bezahlen. Kaum zu glauben: Tausende Bewohner werden jede Nacht gequält, weil Bahnbetreiber oder Stadtverwaltung zu geizig für eine paar lackierte Holzplanken sind.

Unausgeschlafen mache ich mit einem Fotografen auf den Weg, um die sechsjährige Johanna zu finden, die vor einem Monat ihrer Mutter in Österreich vom Vater unter Mithilfe von FBI und Austro-Behörden entrissen wurde. Kaum stoßen wir ins Appalachen-Mittelgebirge vor, gehen unsere iPhones offline (Jim, der Fotograf, hat natürlich auch eines…). Und das macht die Recherchen nicht leichter. Dazu ist der Vater keineswegs leicht zu finden: Es gibt nur ein Postfach und keine Adresse, vage Beschreibungen der Mutter und nicht sonderlich auskunftsfreudige Locals. Jim, ein bulliger Typ mit Pickup-Truck, weist mich meist an, mit meinem deutschen Akzent lieber im Wagen zu bleiben. Dass unsere Handys dank AT&T zu Briefbeschwerern wurden ist natürlich auch kein echter Vorteil.

Nach stundenlangen, erfolglosen Herumkurven durch verwundene Straßen und viel zu vielen grünen Bäumen, finden wir den Ort des Grundstücks schließlich am Bezirksgericht. Noch eine Frage: Habt ihr hier alle keinen Handy-Empfang? Nein, nur AT&T gibt es hier nicht! “More bars in more places”, werben die. Keine Empfangs-„Bars“ hier. Ich rufe Estee von einem Pay Phone an: “Ich bin ok, wurde nicht angeschossen von einem Hillibilli mit Schrotflinte”. Faszinierendes Ding so ein Münzautomat: Flash-Backs an vergangene Zeiten: “Please insert 35 Cents for the first three minutes…”.

Wir finden den Vater schließlich wirklich im letzten Winkel im ohnehin allertiefsten Outback. Die neuen Lebensumstände der kleinen Johanna, die fast hilfesuchend aus dem Haus kommt, sind tatsächlich trist. Emotionell schwer zu verdauen die Story. Wir würden sie am liebsten gleich mitnehmen.

Leicht deprimiert reisen zurück. Die Mailbox am iPhone meldet sich: Wir haben die Coverage-Gegend wieder erreicht. Eigentlich traurig, wie glücklich uns das macht. Ich muss mit der Mutter in Österreich telefonieren: Kein leichtes Gespräch. Da die Suche weit länger dauerte, verpasse ich meinen Rückflug. Ich fliege eine Stunde später. Umbuchungsgebühren: $150. Für einen Trip, der ohnehin mit $520 sauteuer war. Doch der ausgelagerte „Customer Service“-Mann in Indien ist unnachgiebig: So steht es in den Ticket-Statuten. And have a nice day. Aber ich bin selbst schuld: Gewievte Amis verpassen einfach den Abflug und setzten sich in die nächste Maschine…